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Nashorn in Kamerun : Die Legende vom Spitzlippennashorn

Schwarzes Nashorn, leider nicht aus Kamerun Bild: AP

Das letzte freilebende Spitzlippennashorn wurde 1996 in Kamerun gesehen, doch die Wildhüter berichteten regelmäßig von Spuren an Bäumen. Die stellten sich jetzt aber als Schwindel heraus. Das Nashorn ist wahrscheinlich ausgestorben.

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          Mit den „schwarzen Nashörnern“, die ebensowenig schwarz sind wie die weißen Rhinozerosse weiß, hatte der legendäre Bernhard Grzimek so viele Stunden seines Lebens verbracht, daß es sich der zoologische Lehrmeister der Nation auch von einem ausgewiesenen Nashorn-Experten wie Rudolf Schenkel dereinst nicht nehmen ließ, das Kapitel im großen „Grzimeks“ über die Spitzlippennashörner selbst zu verfassen und mit einem legendären Schnappschuß zu schmücken. Darauf stellt sich der grauhaarige Herr, festentschlossen und keinen Meter entfernt vom Gegner, hinter einer aufgeblasenen Nashornattrappe einem zweihörnigen Koloß in den Weg, der mit seinem aufgestellten Schwanz und charakteristischer Angriffsstellung zu erkennen gibt, daß es dem Schwindler bereitwillig auf den Leim geht.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein Bild mit geradezu prophetischem Inhalt, wenn die betrübliche Nachricht zutrifft, die uns jetzt aus dem nördlichen Kamerun erreicht. Denn dort, dem Lebensraum des Westlichen Spitzlippennashorns, Diceros bicornis longipes, wurde das einfältige Rhinozeros offenbar ganz und gar von wohlmeinenden Schwindlern abgelöst. Seit 1996, als man das letzte freilebende Individuum beobachtet hatte, lebte das Westliche Spitzlippen- oder Spitzmaulnashorn als eine von sechs afrikanischen Nashornunterarten nur noch als geisterhafte Existenz fort. Sporadisch wurden Spuren der Tiere gemeldet. Und immer wieder versuchte man dem etwas Positives abzugewinnen, indem man die Individualität der Spuren als Zeugnisse verschiedener männlicher und weiblicher Nashörner deutete.

          Mutmaßlich arbeitslos

          Zuletzt war man so auf mindestens fünf Exemplare, darunter drei ausgewachsene Weibchen, gekommen. Damit lebte zumindest die Hoffnung fort, daß der von Wilderei und Lebensraumzerstörung dahingerafften Population ein Hauch von Überlebenschance blieb. Bis sich eben jetzt bei einer sechsmonatigen Inspektionsreise und den Recherchen einer französischen Expedition im Namen der Weltnaturschutz-Union IUCN herausstellte, daß die angeblichen Rhinozeros-Spuren von den Wildhütern allesamt vorgetäuscht wurden. Vier Dutzend Patrouillen waren im Norden Kameruns ausgeschwärmt, mehr als zweieinhalb tausend Kilometer wurden zurückgelegt, doch von den Nashörnern keine Spur. Weder abgenagte Bäume (denn anders als die „weißen“ Breitmaulnashörner fressen die „schwarzen“ Spitzmaulnashörner kein Gras) hat man aufgespürt noch aufgespießte Löwen, keine Fußabdrücke, ja nicht einmal ein paar der typischen Kotspuren, die die Kolosse zum Markieren ihres „Heimbereichs“ (Originalton Grzimek) hinterlassen, waren über die dürre westafrikanische Savanne verstreut.

          Die angeblichen Spuren waren ein großer Schwindel der Wildwärter, und die hatten gewiß ihre Gründe. Denn die letzten Westlichen Spitzlippennashörner waren der wichtigste Grund für die Behörden, die einheimischen Wildhüter weiter zu beschäftigen. Jetzt gelten die Nashörner bis zum Beweis des Gegenteils als „wahrscheinlich ausgestorben“ und die Wildhüter als mutmaßlich arbeitslos.

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