https://www.faz.net/-gqz-86ngg

Astronautenkost : Space Cuisine

Salaternte im All: Der rote Römersalat, ist zwar etwas blaßrosa geraten, mundet aber den Astronauten Scott Kelly, Kjell Lindgren und Kimiya Yui (v.r.). Bild: dpa

Selbstversorgung ist ein Trend, dem vorwiegend „Landlust“-Leser frönen? Mitnichten. An Bord der ISS ziehen die Astronauten ihr eigenes Gemüse.

          Astronauten führen, kulinarisch gesehen, noch immer ein eintöniges Leben. Zwar stehen auf dem Speiseplan der Internationalen Raumstation ISS mittlerweile fast hundert Gerichte und zwanzig Getränke zur Auswahl. Man darf von der in Plastiktüten verpackten Astronautenkost aber keine Hochgenüsse in 400 Kilometer Höhe erwarten, sondern eher die möglichst effiziente Versorgung mit lebensnotwendigen Nährstoffen.

          Alle Produkte werden nach aktuellem ernährungswissenschaftlichem Kenntnisstand zubereitet. Dennoch ist die Freude der ISS-Besatzung jedes Mal groß, wenn an Bord eines Raumtransporters etwas ankommt, das – wenn auch gefriergetrocknet oder dehydriert und verpackt in Tüten – Abwechslung für den Gaumen bringt. Doch die Hightech-Gerichte der „Space Cuisine“ könnten bald ausgedient haben. Dieser Tage kam zum ersten Mal etwas Frisches auf den Tisch: roter Römersalat aus Eigenanbau. „Frisch, schmeckt gut, irgendwie nach Rucola“, lauteten die Kommentare von Scott Kelly und seinen Kollegen Kjell Lindgren und Kimiya Yui, als sie den Salat vor laufender Bordkamera schwebend verspeisten. Freilich nicht, ohne das Gemüse vorher mit Olivenöl und Balsamico und aller nötigen Vorsicht anzurichten. Irritierend war allenfalls das Aussehen der Salatblätter: Durch die Bestrahlung vor allem mit intensivem rotem und blauem Licht waren die sonst roten Blätter blassrosa geworden. Schon seit ein paar Jahren werden Pflanzen auf der ISS kultiviert. Man hatte sie nach der Ernte jedoch bisher zur Erde gebracht, um zu untersuchen, wie sie sich in der Schwerelosigkeit entwickelt hatten.

          Nachdem die Lebensmittelanalytiker der NASA grünes Licht gaben, hat man jetzt den Selbstversuch gewagt und sich über die Speise hergemacht. Vorsichtshalber wurde der Römersalat, den Kelly Anfang Juli in ein spezielles Nährstoffkissen ausgesät hatte, desinfiziert. Bis jetzt ist von unerwünschten Nebenwirkungen nichts bekannt, die Inkubationszeit für Durchfall ist vorbei. Ein Teil der Ernte ging auch dieses Mal für Forschungszwecke zurück zur Erde: Die NASA will untersuchen, ob sich Astronauten selbst versorgen können, wenn sie längere Zeit im All verbringen. Hintergrund sind die Pläne der NASA für einen bemannten Raumflug zum Mars, der für das Jahr 2035 avisiert ist. Ein gutes Jahr werden die Astronauten für die Hin- und Rückreise benötigen. Wollten sie auf dem Mars landen, müssten sie dort ein Jahr lang bleiben, bis sich Gelegenheit für einen zügigen Rückflug bietet. Langeweile ist programmiert. Denn der Rote Planet hat nur wenig touristische Attraktionen zu bieten – ausgenommen freilich jene seltsamen Pyramiden und geheimnisvollen Skulpturen, die immer wieder im Netz kursieren. Da brauchen die Marsreisenden nicht nur täglich frische gesunde Nahrung aus dem Gewächshaus zur Kräftigung, sondern auch die beruhigende Umgebung von Pflanzen. Und vegan sollten sie sich selbstverständlich ernähren. Denn für Vieh an Bord wird wohl noch lange kein Platz sein.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          „Ick wollte Klagenfurt sehen“

          Bachmannpreis und DDR : „Ick wollte Klagenfurt sehen“

          Zwischen 1986 und 1989 gab es beim Bachmannpreis vier aus der DDR stammende Gewinner. Was hatte das literarisch und politisch zu bedeuten? Ein Berliner Symposium brachte die Protagonisten von damals jetzt zusammen.

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.