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Restauration eines Klassikers : Glutfarben für eisige Abende

  • -Aktualisiert am

Ikone der Moderne: In Narkomfin-Haus lebt man in Duplex-Appartments im Wohntrakt, von dort führt eine Fußgängerbrücke ins Gemeinschaftsgebäude, wo ein Café und ein Dokumentationszentrum entstehen soll. Bild: Imago

Wiedergeburt der Avantgarde: In Moskau wurde das Narkomfin-Haus von Moisey Ginzburg originalgetreu renoviert – durch den Enkel des Architekten.

          3 Min.

          Moskau hat ein erneuertes modernistisches Wahrzeichen. Das berühmte Narkomfin-Kommunehaus des Avantgarde-Architekten Moisey Ginzburg, das, von Investoren und Stadtvätern ungeliebt, über Jahrzehnte vor sich hin rottete, ist, mustergültig renoviert, zur gesuchten Wohnadresse und zum Pilgerort für Kunstliebhaber geworden. Zu verdanken ist dies Alexey Ginzburg, dem Enkel des Erbauers, dessen Moskauer Architekturbüro in Russland, aber auch international Bauideen des Großvaters weiterführt. Im zu Ende gehenden Jahr hat er das Pionierprojekt einer wissenschaftlichen Restauration zum Abschluss bringen können. Ihm gelang, was sein Vater Wladimir Ginzburg, ebenfalls Architekt, in den achtziger Jahren vergeblich versucht hatte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir treffen Ginzburg im Gemeinschaftstrakt des Narkomfin-Gebäudes am Nowinski Boulevard 25. Hier, wo ursprünglich die Großküche mit Kindergarten, nach Umbauten dann aber eine Feuerwehrwache und diverse Verwaltungsbüros untergebracht waren, wird, so hofft Ginzburg, einmal ein Café mit Dokumentationszentrum eingerichtet werden. Konservierung und Rekonstruktion gemäß internationalen Standards hätten seine Kräfte während der vergangenen drei Jahre absorbiert, bekennt Ginzburg. Voraussetzung für die Einhaltung dieser Standards sei ein verändertes kulturelles Umfeld gewesen. So hätten sich außer ausländischen Experten seit einiger Zeit immer mehr russische Studenten für den funktional-innovativen Bau begeistert, der mit seinen hohlen Betonblöcken, in denen sämtliche Leitungen verschwanden, ein Smart House seiner Zeit war, sagt Ginzburg.

          Hinter der restaurierten Glasfassade soll ein Café und ein Dokumentationszentrum entstehen.
          Hinter der restaurierten Glasfassade soll ein Café und ein Dokumentationszentrum entstehen. : Bild: Imago

          Während er spricht, bewundert gerade eine Studiengruppe die doppelt verglaste Stahlgitterfassade und die hellgrün gestrichene Innenwand der hohen Halle, die originalgetreu wiederhergestellt wurden. Wichtig war, dass Ginzburg in dem Investor Garegin Barsumjan und dessen Immobilienentwickler-Firma „Liga Prav“ gleichgesinnte Mitstreiter fand. Außerdem gibt es inzwischen zahlungskräftige Kunden, die bereit sind, sich Wohnungen zuzulegen, die kompakt sind und obendrein denkmalgeschützt und deshalb nicht umgebaut werden dürfen. In dem Komplex, dessen Parkplatz mit Ladestationen für Elektroautos ausgestattet ist, sieht man vor allem jüngere, praktisch gekleidete Leute ein- und ausgehen oder im Wintergarten miteinander plaudern.

          Moderner Komfort auf kleinstem Raum

          Moisey Ginzburg und sein Mitverfasser Ignati Milinis hatten Ende der zwanziger Jahre für das sowjetische Finanzministerium (das Volkskommissariat für Finanzen, abgekürzt Narkomfin) ein „Übergangshaus“ erbaut, dessen Duplex-Wohnzellen den privaten Raum zugunsten des gesellschaftlichen verkleinerten, zugleich aber über modernen Privatkomfort wie Bäder und Kleinküchen verfügten. Die Farbgebung des Bauhaus-Designers Hinnerk Scheper verwendete kühle Töne für Schlaf- und warme für Wohnräume, eine leuchtende Deckenkoloration diente zur optischen Raumerweiterung. Bezogen wurde das Haus nach seiner Fertigstellung 1931 dann aber von anderen Angehörigen der Sowjetelite wie dem Diplomaten Wladimir Antonow-Owsejenko, dem Gesundheitsminister Nikolai Semaschko und dem Maler Alexander Dejneka.

          Im Innern wurden sogar die Bauhaus-Farben von Hinnerk Scheper wieder hergestellt.
          Im Innern wurden sogar die Bauhaus-Farben von Hinnerk Scheper wieder hergestellt. : Bild: Yuri Palmin/Ginzburg Architects

          Auf Instagram, wo virtuelle Wohnungsbesichtigungen und Renovierungsvideos des Narkomfin-Hauses abrufbar sind, wird auch mit Gemälden Dejnekas geworben, die unverkennbar in seiner lichtdurchfluteten Narkomfin-Studiowohnung mit ihrem Panoramablick auf Moskau entstanden sind: beispielsweise das Selbstporträt des 49 Jahre alten, durchtrainierten Künstlers, auf dem er nach der Frühgymnastik im Morgenmantel posiert; oder der kurvige Rückenakt aus dem Jahr 1936, auf dem das blonde Modell von einem glutroten Sofa, dessen Farbe von Hinnerk Schepers Deckengestaltung inspiriert sein könnte, auf die winterliche Stadtlandschaft hinausschaut.

          Nach den Säuberungen, denen etwa Antonow-Owsejenko zum Opfer fiel, und nach der Kriegs- und Nachkriegszeit zogen unter Nikita Chruschtschow neue Bewohner ins Narkomfin-Haus, die dort Kommunalwohnungen einrichteten und es durch Umbauten entstellten. Die schwarzen Rundpfeiler, auf denen der Baukörper ruht, wurden durch Lagerschuppen im Erdgeschoss unsichtbar gemacht, am Gemeinschaftsflügel verschwand die untere Hälfte der Glasfront, in die Halle wurden zusätzliche Etagen eingezogen. Die Bausubstanz verkam. In den neunziger Jahren war der Beton durch Wasserschäden fleckig, Rohre und Leitungen lagen blank, die Wände bröckelten, in den Rissen wucherte Unkraut. Aber während westliche Architekten Alarm schlugen und verlangten, die Ikone zu retten, schien die Moskauer Stadtverwaltung abwarten zu wollen, bis das Gebäude unrettbar verloren wäre, um das Grundstück lukrativ neu zu bebauen. Diese Praxis hat Tradition: Jedes Jahr werden in Moskau Baudenkmäler abgerissen. Nur wenn sie sehr berühmt sind – so geschehen im Fall des Jugendstil-Kaufhauses Wojentorg, der Manege oder des stalinistischen Hotels „Moskwa“ –, werden sie durch mehr oder weniger freie Nachahmungen ersetzt.

          Der jetzige Bürgermeister Sergej Sobjanin schätze das Avantgarde-Erbe, sagt Ginzburg. Vor zwei Jahren präsentierte sich die Stadt auf der Europäischen Denkmalpflegemesse in Leipzig mit dem Narkomfin-Projekt. Dafür habe er Architekturstudenten und junge Restauratoren angeheuert, so Ginzburg, der das Haus erforschen und ihm mit dem Bohrer buchstäblich auf den Grund gehen ließ. Beim Wiederaufbau arbeitete er mit Originaltechnologien, die doppelten Holzfenster, die, wie er versichert, das russische Klima gut ertragen, entstanden neu, auch die Wanddämmung in Form von gepresstem Schilf, selbst die Heizkörper wurden in der Originalgestalt nachgebaut.

          Wo immer möglich, konservierte er originales Mauerwerk oder Holzteile, setzte dies aber von Rekonstruiertem – gemäß der internationalen Restauratorencharta – farblich ab. Die Einbauküchen freilich sind modern, denn, erklärt Ginzburg, das Narkomfin-Haus war technisch auf dem aktuellen Stand konzipiert. Nun will er noch, der sozialen Mission des Bauwerks gemäß, die Grünanlage des Grundstücks zum öffentlichen Park umwidmen. Bürgermeister Sobjanin, verrät er, sei jedenfalls dafür.

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