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Restauration eines Klassikers : Glutfarben für eisige Abende

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Im Innern wurden sogar die Bauhaus-Farben von Hinnerk Scheper wieder hergestellt.
Im Innern wurden sogar die Bauhaus-Farben von Hinnerk Scheper wieder hergestellt. : Bild: Yuri Palmin/Ginzburg Architects

Auf Instagram, wo virtuelle Wohnungsbesichtigungen und Renovierungsvideos des Narkomfin-Hauses abrufbar sind, wird auch mit Gemälden Dejnekas geworben, die unverkennbar in seiner lichtdurchfluteten Narkomfin-Studiowohnung mit ihrem Panoramablick auf Moskau entstanden sind: beispielsweise das Selbstporträt des 49 Jahre alten, durchtrainierten Künstlers, auf dem er nach der Frühgymnastik im Morgenmantel posiert; oder der kurvige Rückenakt aus dem Jahr 1936, auf dem das blonde Modell von einem glutroten Sofa, dessen Farbe von Hinnerk Schepers Deckengestaltung inspiriert sein könnte, auf die winterliche Stadtlandschaft hinausschaut.

Nach den Säuberungen, denen etwa Antonow-Owsejenko zum Opfer fiel, und nach der Kriegs- und Nachkriegszeit zogen unter Nikita Chruschtschow neue Bewohner ins Narkomfin-Haus, die dort Kommunalwohnungen einrichteten und es durch Umbauten entstellten. Die schwarzen Rundpfeiler, auf denen der Baukörper ruht, wurden durch Lagerschuppen im Erdgeschoss unsichtbar gemacht, am Gemeinschaftsflügel verschwand die untere Hälfte der Glasfront, in die Halle wurden zusätzliche Etagen eingezogen. Die Bausubstanz verkam. In den neunziger Jahren war der Beton durch Wasserschäden fleckig, Rohre und Leitungen lagen blank, die Wände bröckelten, in den Rissen wucherte Unkraut. Aber während westliche Architekten Alarm schlugen und verlangten, die Ikone zu retten, schien die Moskauer Stadtverwaltung abwarten zu wollen, bis das Gebäude unrettbar verloren wäre, um das Grundstück lukrativ neu zu bebauen. Diese Praxis hat Tradition: Jedes Jahr werden in Moskau Baudenkmäler abgerissen. Nur wenn sie sehr berühmt sind – so geschehen im Fall des Jugendstil-Kaufhauses Wojentorg, der Manege oder des stalinistischen Hotels „Moskwa“ –, werden sie durch mehr oder weniger freie Nachahmungen ersetzt.

Der jetzige Bürgermeister Sergej Sobjanin schätze das Avantgarde-Erbe, sagt Ginzburg. Vor zwei Jahren präsentierte sich die Stadt auf der Europäischen Denkmalpflegemesse in Leipzig mit dem Narkomfin-Projekt. Dafür habe er Architekturstudenten und junge Restauratoren angeheuert, so Ginzburg, der das Haus erforschen und ihm mit dem Bohrer buchstäblich auf den Grund gehen ließ. Beim Wiederaufbau arbeitete er mit Originaltechnologien, die doppelten Holzfenster, die, wie er versichert, das russische Klima gut ertragen, entstanden neu, auch die Wanddämmung in Form von gepresstem Schilf, selbst die Heizkörper wurden in der Originalgestalt nachgebaut.

Wo immer möglich, konservierte er originales Mauerwerk oder Holzteile, setzte dies aber von Rekonstruiertem – gemäß der internationalen Restauratorencharta – farblich ab. Die Einbauküchen freilich sind modern, denn, erklärt Ginzburg, das Narkomfin-Haus war technisch auf dem aktuellen Stand konzipiert. Nun will er noch, der sozialen Mission des Bauwerks gemäß, die Grünanlage des Grundstücks zum öffentlichen Park umwidmen. Bürgermeister Sobjanin, verrät er, sei jedenfalls dafür.

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