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200. Todestag Napoleons : Schluckauf der Geschichte

Eine Napleon-Statue von Charles-Emile Seurre steht im Ehrenhof des „Hôtel des Invalides“ in Paris. Bild: dpa

Am 5. Mai 1821 starb Napoleon. Er hinterließ ein moralisches Erbe. Wie geht Präsident Macron im Gedenkjahr mit diesem langen Schatten um?

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          Frankreich erlebt derzeit eine geballte Serie verwirrender Gedenktage. Der Aufruf der Generäle im Ruhestand zur „Wiederherstellung der Ehre“ wurde am 21. April veröffentlicht, dem Jahrestag des Putschversuchs der Armeespitze gegen De Gaulle in Algerien. Die Verantwortlichen waren von Präsident Mitterrand im Zuge seiner Amnestie zur „nationalen Befriedung“ begnadigt worden. Gleichzeitig gewährte Mitterrand den „Roten Brigaden“ politisches Asyl.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Jetzt liefert sein Nachfolger Macron die Terroristen im Ruhestand an Italien aus – im Namen der europäischen Imperative und aus Respekt vor den französischen Opfern islamistischer Attentate. Die Intellektuellen, die sich über die Begnadigung der Folter-Generäle empört hatten, bezichtigen ihn des Verrats. Die Petition der Militärs stilisieren sie zur Gefahr eines faschistischen Putsches. Tatsächlich hat Marine Le Pen die Generäle aufgefordert, die „Schlacht um Frankreich“ an ihrer Seite zu führen. Ebenfalls an einem 21. April war ihr Vater Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl um die Präsidentschaft gekommen.

          Am 10. Mai jährt sich Mitterrands Wahl zum vierzigsten Mal. In vier Bänden und dreißigtausend Versen erzählt ein Autor sein Epos: „Mitterrandiade“. Zwei Tage zuvor ist der Jahrestag des Kriegsendes fällig. Frankreich hatte ihn im Zuge der deutsch-französischen Versöhnung abgeschafft, Mitterrand führte ihn wieder ein. Zum Ende seiner Regentschaft aber lobte er am 8. Mai 1995, ein halbes Jahrhundert nach 1945, in Berlin den Mut der Wehrmacht.

          Napoleon setzte die Sklaverei durch

          Nun steht Napoleons zweihundertster Todestag an. „Als seine Erben müssen wir das moralische Sühnen für seine Irrtümer und seine Verbrechen auf uns nehmen“, stöhnt Thierry Lentz, Präsident der Napoleon-Stiftung. Den Kampf gegen ein vom Plastiker Pascal Convert geschaffenes Skelett von Napoleons Pferd Marengo, das über der Grabstätte aufgehängt wird, hat er verloren. Sein sechzigstes Buch – „Pour Napoléon“ – ist eine Abrechnung mit den „albernen Ideen und Aktionen“ der Cancel Culture. Der Kaiser hatte die Wiedereinführung der Sklaverei durchgesetzt, in Übersee sind Statuen gestürzt, in Frankreich verschmiert worden.

          Ein bekannter Richter, der Affären und Skandale aufklärt, hat ein Buch zu Napoleons Verteidigung geschrieben. Dessen Umgang mit Frauen beschreibt er im Maßstab der Epoche. Sieben Leben hat Napoleon in einem Arte-Film, zwölf sind es in der Biographie von David Chanteranne: „Les douzes morts de Napoléon“. Marie-Paule Raffaelli-Pasquini, eine junge korsische Historikerin, vergleicht „Napoleon und Jesus: Ein Messias in der Politik“. Die Revolution habe dem Volk den Glauben gestohlen, das Bedürfnis aber war noch da.

          „Macron muss sich am Grab Napoleons verneigen“, fordert derweil Prinz Jean d’Orléans. Der Thronfolger der Monarchie reagierte auf Berichte, denenzufolge der Präsident mit dem Gedanken spiele, nur seinen Premierminister Jean Castex zu schicken. Für Macron geht es um die Wiederwahl in einem Jahr.

          Ehrung eines Verbrechers 

          Wie Napoleon wollte der junge Präsident Frankreich und Europa reformieren. Trump und Putin empfing er mit dem Pomp der Republik. „France is back“, staunte die Welt. Auch für Macron wurde Moskau zum Menetekel. Das Bild, auf dem er nach dem Sieg der Franzosen im Endspiel der Fußball-WM in Russland von seinem Sitz hochspringt, ging um den Erdball. Auf der Triumphfahrt der Mannschaft in den Elysée-Palast entzog Macrons Sicherheitschef Benalla, der im Bus saß, die Spieler dem wartenden Volk, aber stundenlang feierten sie mit dem Präsidenten. Drei Tage später tauchten Videos auf, die zeigen, wie Benalla, als Polizist verkleidet, am 1. Mai auf Demonstranten eingeschlagen hatte. Das war Macrons erste Affäre. Kurz danach brach die Gelbwesten-Revolte aus.

          Es gab den Plan, zu Napoleons zweihundertstem Todestag die erst kürzlich entdeckten sterblichen Überreste von General Gudin, der auf dem Russlandfeldzug starb, nach Frankreich zu holen und Putin einzuladen. Die Verschlechterung der Beziehungen wegen des inhaftierten Alexej Nawalnij verzögert die Umsetzung. In Paris hat der Historiker Louis-Georges Tin, der Ehrenpräsident des Dachverbands aller Schwarzen-Vereinigungen, ein Ultimatum formuliert. Eine Ehrung Napoleons sei so verwerflich wie die Blumen, mit denen Mitterrand immer heimlich Pétains Grab schmücken ließ: „Wenn er den 5. Mai begeht, ist Macron am 10. Mai unerwünscht.“ Immerhin hat der Präsident den Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet.

          Der 10. Mai ist inzwischen auch der Gedenktag der Sklaverei. Er geht auf Präsident Jacques Chirac zurück, der den zweihundertsten Jahrestag der Schlacht von Austerlitz boykottiert hatte. Den Initiatoren wäre der 8. Februar lieber gewesen: 1815 hatte an diesem Tag der Wiener Kongress den europäischen Sklavenhandel abgeschafft – gegen den Willen Frankreichs.

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