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Naomi Klein in Berlin : Raus aus den Schachteln!

Immer noch ein Aushängeschild der Globalisierungskritiker: Naomi Klein wendet sich in ihrem neuen Buch der Ökologie zu Bild: Picture-Alliance

Wir sind stolz auf unseren grünen Lifestyle, doch politisch ändern wir nichts – so lautet der Tenor von Naomi Kleins neuem Buch. In Berlin sprach sie jetzt über den Zusammenhang von Klimawandel und Kapitalismus.

          In Berlin begegnete die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein einem Journalisten, der ihr vorhielt, sie sei zu radikal für die Deutschen, die es eher gemäßigt liebten und allzu extreme Bewegungen nicht schätzten. Klein konnte diese Anekdote am Sonntagabend bei ihrer „Democracy Lecture“ im völlig überfüllten Haus der Kulturen der Welt gefahrlos erzählen, da dessen enthusiasmiertes, sie immer wieder mit Szenenapplaus unterbrechendes, überwiegend junges Publikum selbst schon eine Widerlegung der These war.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aus geschichtlicher Perspektive könnte es freilich erst einmal verwundern, dass ihre aktuelle Forderung, den Widerstand gegen den Klimawandel mit einer grundsätzlichen Kritik am Wirtschaftssystem zu verbinden, überhaupt als radikal und neu wahrgenommen wird: Waren nicht schon die Grünen, wenigstens zum Teil, aus einer linken Bewegung in den Nachwehen der Achtundsechziger hervorgegangen? Aber es stimmt, das ist eine Ewigkeit her, und seit langem dominiert bei den Grünen und fast überall der Glaube daran, dass auch der Planet als Ganzer gut aufgehoben ist in jener wundersam prästabilierten Harmonie privater Laster, die in Mandevilles berühmter Formulierung der Markt darstellt. „Spaß haben, Geld verdienen und dabei die Welt retten“, heißt das Motto jener Philosophie, welche die Umwelt einer Mischung aus Mäzenatentum, grünen Lifestyle-Produkten und Vertrauen auf internationale Konferenzen überantwortet.

          Wachstum ja, Neoliberalismus nein

          Damit bricht Naomi Klein in der Tat. In Berlin bezeichnete sie jetzt die Neigung, das Problem zu individualisieren und sich etwa darauf zu konzentrieren, keine Plastiktüten zu benutzen, als „Kopenhagen-Syndrom“: Man tue alles im privaten Bereich, lasse aber den politischen Rahmen als Ganzen unangetastet und wundere sich dann, dass nichts passiere. Beim gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen sei sie 2009 auf diesen Zusammenhang von ökologischer und sozialer Gerechtigkeit aufmerksam geworden, als es zwischen westlichen und afrikanischen Staaten zum Eklat kam. Nirgendwo hörte sich Kleins Abwehr der Logiken der Privatisierung und der Austerität dann radikaler an, als sie den neoliberalen Jargon, immer und überall „Win-Win-Situationen“ schaffen zu wollen, ironisch zitierte: In einer solchen Annahme eines jederzeit möglichen Ausgleichs von privaten und planetarischen Interessen schien die grundlegende Illusion benannt zu sein, gegen die sich Klein wenden wollte.

          Doch kurz später verwendete sie den Ausdruck in einem ganz anderen Zusammenhang. In ihrer kanadischen Heimat war es nach der Pleite gleich dreier Automobilfirmen dem Staat gelungen, mit grüner Energie mehr als dreißigtausend neue Stellen zu schaffen. Auch diese Geschichte nahm ein ungutes Ende, weil das Projekt gegen eine wettbewerbsrechtliche Klage Amerikas und der EU verlor; doch erst einmal würdigte Klein sie als geglücktes Beispiel einer „Win-Win-Situation“. Für ganz so unvereinbar, wie es der Titel ihres neuen Buchs suggeriert, scheint sie Klima und Kapitalismus also doch nicht zu halten. Ist Naomi Klein vielleicht doch nicht so radikal, wie ihr Gestus nahelegt?

          In Berlin erklärt sie, dass ihr Buch sich eigentlich nicht gegen den Kapitalismus als solchen, sondern gegen den seit Anfang der neunziger Jahre entstandenen Neoliberalismus wendet; angesichts der fortgeschrittenen Umweltzerstörung werde es jetzt allerdings auch nicht genügen, einfach zum früheren sozialdemokratischen Modell des Marktes zurückzukehren. Danach kritisierte sie die Degrowth-Konferenzen. Sie glaube, das sei „keine gute Marke“. Es könne nicht darum gehen, Wachstum als solches abzulehnen, sondern zu fordern, die Art und Weise wählen zu können, auf welche die Wirtschaft wächst. Und so wenig sie privates Mäzenatentum von Milliardären für die Lösung der Probleme für ausreichend hält, so sehr lobte sie doch die Rockefeller-Stiftung dafür, dass sie anstatt in fossile Brennstoffe neuerdings in grüne Energie investiert.

          Klein sucht nicht die große Theorie

          Naomi Klein geht es offensichtlich gar nicht so sehr um eine trennscharfe radikale Theorie als um eine Strategie. „Wenn wir aus unseren Schachteln herauskriechen, können wir vielleicht Koalitionen bilden, die gewinnen können“, sagte sie. So würdigte sie auch die unterschiedlichsten Personen und Institutionen: den Papst wegen seines moralischen Gewichts, China, weil es den ökologischen Wandel auf die Realkosten herunterbricht, die vierhunderttausend Teilnehmer des Klimamarschs in New York gerade wegen ihrer Buntheit.

          Und so hatte es auch seine Logik, dass in Berlin nur der Politikwissenschaftler Ulrich Brand namens der mitveranstaltenden „Blätter für deutsche und internationale Politik“ eine Frage nach dem genauen theoretischen Zusammenhang von sozialer und ökologischer Politik stellte. Aus dem Publikum meldeten sich vor allem Aktivisten, die sich gegen Braunkohleabbau, gegen Energiekonzerne oder gegen die Viehwirtschaft engagieren. Die neue Theorie des Verhältnisses von Markt, Demokratie und Umwelt ergibt sich dann daraus vielleicht noch später.

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