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Nana Mouskouri : Die weißen Rosen sind ausverkauft

  • -Aktualisiert am

Nana Mouskouri wird 70 Bild: AP

Zwischen Chanson, Jazz, Schlager und Folklore: Nana Mouskouri balancierte so souverän wie ignorant auf dem Grat, der Tief- von Flachsinn trennt. An diesem Mittwoch wird sie 70.

          4 Min.

          Mit einem "Jawoll", so scharf wie Peitschenknall, jagte Nana Mouskouri 1982 dem Pariser Publikum Schauder über den Rücken. Vieles hatte man der gefühligen Griechin zugetraut, aber nicht diese entlarvende Interpretation von "Mein Leben für die Liebe", jenem zackigen Liebestod-Schwur, den Zarah Leander 1942, den Wankelmut jeder Liebe leugnend, in befehlshörige deutsche Ohren geschmettert hatte.

          Nana Mouskouri war auf dem Höhepunkt ihres Könnens, ein internationaler Star mit Standbein in Frankreich und Stammplätzen in deutschen und griechischen Herzen. Ihr flirrender, zuweilen heiser grundierter Sopran, der viele mitten ins Gefühl, anderen aber den Nerv traf, war pure Kunst, einem Alt und einem Stimmbandschaden mit Gesangstechnik abgerungen.

          Die hatte Nana Mouskouri am Konservatorium in Athen erlernt, aus dessen eisernen Reglements sie in Jazzklubs der Altstadt ausbrach, wo sie Swing, Blues und griechische Volkslieder sang. Harry Belafonte hörte sie dort, Melina Mercouri, der Dichter Odysséas Elytis und Manos Hajiidakis, Griechenlands damals berühmtester Schlager- und Chansonkomponist. Er schrieb Lieder für sie, die ihr Hits und das vorzeitige Ende der klassischen Ausbildung eintrugen.

          Eine Synthese aus Madonna und Seminaristin...

          Das Griechenland der Diktatur gemieden

          Ihr wichtigster Förderer aber wurde Mikis Theodorakis, dessen todernste Lieder sie mit derselben Inbrunst vortrug wie die romantisierenden von Hajiidakis. Völlige Hingabe an das, was sie sang, Arie wie Schnulze, blieb bestimmend für Nana Mouskouri. So überzeugte sie sogar die mißtrauischen Studenten, vor denen sie, als Tourneepartnerin Belafontes, 1964 in den Auditorien der größten amerikanischen Universitäten mit Folksongs auftrat.

          Zurück in Griechenland, im Gepäck ein fabelhaftes, doch kaum beachtetes Jazzalbum, das Quincy Jones 1962 mit ihr produziert hatte, bereitete sie sich 1967 auf Theodorakis' Aristophanes-Adaption "Die Vögel" vor, in der sie den Hauptpart singen sollte. In der Nacht vor der Uraufführung putschten die Obristen, Theodorakis wurde verboten, Nana Mouskouri zögerte kurz und reiste dann nach Paris, um bis zum Ende der Diktatur ihre Heimat zu meiden.

          Frankreichs Vertreterin in der internationalen Folkszene

          Sie machte kein Aufhebens um dieses freiwillige Exil. Was sie darüber zu sagen hatte, offenbarten Lieder. "Le jour ou la colombe" zum Beispiel, eine Freiheitsklage, die sie 1967 bei ihrem Debüt im Pariser Olympia sang. Der Appell wurde genauso ergriffen bejubelt wie ihre französische Version von "Guantanamera", Pete Seegers Exillied, oder "Adieu Angelina", die französische Fassung der Antikriegsballade von Joan Baez.

          Deswegen und wegen weiterer Adaptionen der Songs von Bob Dylan, Donovan oder Leonard Cohen galt Nana Mouskouri damals als Frankreichs Vertreterin in der internationalen, politisch mündig gewordenen Folkszene. Sie selbst machte später ihre Kindheitserinnerungen an die deutsche Besatzung Griechenlands und den Bürgerkrieg zwischen Royalisten und Demokraten dafür verantwortlich.

          Souverän auf dem Grat balanciert, der Tief- von Flachsinn trennt

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