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Nana Mouskouri : Die Tochter der Fledermaus

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Woher nimmt sie die Kraft? Nana Mouskouri erzählt von den Kämpfen ihres Lebens Bild: REUTERS

Nana Mouskouri stellt in diesen Tagen die deutsche Übersetzung ihrer Memoiren vor. „Stimme der Sehnsucht“ ist der Entwicklungsroman einer willensstarken Sängerin. Dieter Bartetzko hat sie in Berlin getroffen - und mit ihr gesungen.

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          Wenn nur nicht dies lange Warten wäre. Wenn doch die Kollegen schneller fragen würden. Schließlich bin ich ohnehin nervös genug angesichts der Aussicht, hier in Berlin gleich einen Weltstar zu interviewen. Einen, den ich jahrelang als madonnenhaft schöne Griechin vor Augen hatte, deren französische und griechische Lieder ich hoch schätze, deren sanft insistierender Jazz mich fasziniert - und deren deutsche Schnulzen mich ärgerlich machen.

          Und nun ihr Buch, in dem eine ganz andere von sich erzählt. Zum Beispiel die demütigende Episode vom ersten großen Auftritt: „Um Gottes willen“, stöhnt der Organisator in Piräus, als er die korpulente junge Frau sieht, die gleich für tausend amerikanische Marinesoldaten singen soll. Die rückt ihre monströse Schmetterlingsbrille zurecht und murmelt: „Regen Sie sich nicht zu sehr auf, ich singe ganz gut.“ Auf der Bühne verschränkt sie die Hände hinter dem Rücken und schließt die Augen. Erst als sie nach drei Liedern - Swing und griechische Volksmusik - den Blick hebt, sieht sie an den lächelnden Gesichtern, dass die gellenden Pfiffe Beifall sind.

          Tränen im Parkett

          Wie steht eine Zwanzigjährige das durch? Wie überwindet sie es, dass ihr im besten Nachtklub Athens mit der Begründung, ihr Anblick sei unzumutbar, gekündigt wird? Woher nimmt sie die Kraft, kurz darauf in Barcelona, Berlin und Paris auf die Bühne zu gehen, obwohl sie weiß, dass man bei ihrem ersten internationalen Hit statt ihres pausbäckigen Brillengesichts Mikrophone auf die Hülle gedruckt hat? Es ist die Liebe zur Musik, antwortet mir die heute vierundsiebzigjährige Nana Mouskouri, die ihr die Kraft dafür gegeben habe - und auch dafür, 1967 nach radikalen Hungerkuren im leuchtend roten Kaftan eines Modeschöpfers schlank und schön im ausverkauften Pariser Olympia zu erscheinen und die Feuerprobe als Solostar zu bestehen.

          Ovationen schon nach dem ersten Lied, „Adieu Angelina“, der französischen Version von Bob Dylans herb melancholischem Antikriegslied „Farewell, Angelina“, Tränen im Parkett, als sie mit „Le jour ou la colombe“ die Obristendiktatur in ihrer Heimat Griechenland beklagt, endloser Jubel, als sie mit dem Klassiker „Le temps de cerises“ endet. Der weite Kaftan, eine optische Hommage auch an das orientalisch heisere Gurren, das ihre kristallklare Stimme in den tiefen Tönen plötzlich annimmt, soll keine Restpolster kaschieren, sondern erleichtert es der Schwangeren, sich zu bewegen. Wegen der lange erhofften, komplizierten Schwangerschaft, schreibt Nana Mouskouri, habe sie zunächst gezögert, ehe sie das Angebot dann doch annahm. Serge Lama, Star des Vorprogramms, erzählte später, zur Premiere sei sie an ihm vorbeigegangen „wie ein Lamm, das sich zur Schlachtbank führen lässt“. Doch in Wahrheit, so war und blieb es, führte das Lamm, statt geführt zu werden.

          Die Stimme Griechenlands

          Vier Jahre zuvor hatte die Sängerin im Olympia im Vorprogramm von George Brassens mitgewirkt. Er warf scheele Blicke auf „die griechische Bäuerin“, die sich weigerte, die Brille abzunehmen oder den unaussprechlichen Namen zu ändern. Aber als Brassens sie hört, raunzt er: „Sie wird es noch weit bringen, diese Griechin.“ Dabei hatte sie es schon weit gebracht: Manos Hadjidakis, führender Komponist der neuen griechischen Musik, hatte ihr mit „Hartino to fengaraki“ (Papiermond) ihren ersten Hit geschenkt, dem „Kapou iparhi agapi mou“ (Irgendjemand liebt auch mich) folgte, dessen Text ihr der Dichter Nikos Gatsos widmete.

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