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Berliner U-Bahn ist fertig : Der Himmel unter Berlin

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Technische Eleganz: Eine U-Bahn auf Schulungsfahrt in Oliver Colligons Bahnhof „Rotes Rathaus“ Bild: dpa

Und ab durch Mitte: In der Hauptstadt geht heute die neue U-Bahn aufs Gleis. Die Architektur der Stationen will den öffentlichen Nahverkehr von einer funktionalen Angelegenheit zu einem Erlebnis machen.

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          Fast auf den Tag neunzig Jahre nach Eröffnung des ersten Streckenabschnitts vom Alexanderplatz nach Berlin-Lichtenberg ist sie jetzt endlich komplett: die U-Bahn-Linie 5 in Berlin. Am heutigen Freitag wird der 2,2 Kilometer lange Tunnel zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor dem Betrieb übergeben. Die Züge rollen dann 22 Kilometer weit vom Hauptbahnhof bis hinaus ins Plattenbau-Quartier Hellersdorf im fernen Osten der Hauptstadt. Damit endet der kuriose Inselbetrieb auf dem kurzen, seit 2009 fertigen westlichen Ende der Strecke im Regierungsviertel; der Bahnhof Museumsinsel wird jedoch erst im Sommer 2021 eröffnet.

          Man könnte all das für eine lokal bedeutende Meldung halten – wäre da nicht die Architektur der neuen U-Bahnhöfe. Sie sind bezeichnend für die Bemühungen, den öffentlichen Nahverkehr von einer funktionalen Angelegenheit zu einem Erlebnis zu machen, einer Inszenierung von Stimmungen, die die Bürger verführen soll, das Auto öfter stehen zu lassen. Als die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) das auf die neunziger Jahre zurückgehende Projekt 2008 nach mehrjährigem Planungsstopp neu aufgleisten, wollte man die Bahnhöfe zunächst in Eigenregie errichten. Erst die energische Intervention von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher führte dazu, dass eine Auswahl von Architekturbüros, die Preisträger in früheren Senatswettbewerben für Verkehrsbauten waren, eigene Konzepte einreichen durfte. Drei von ihnen erhielten Gestaltungsaufträge: Das Berliner Büro Collignon Architektur für die Station „Rotes Rathaus“, Max Dudler für „Museumsinsel“ sowie das ebenfalls in Berlin ansässige Büro Ingrid Hentschel und Axel Oestreich Architekten für den Umsteigebahnhof „Unter den Linden“.

          Sterne am Firmament

          Blickfang der doppelgeschossigen Bahnsteighalle von Oliver Colligons Bahnhof „Rotes Rathaus“ sind sieben hohe Rundstützen zwischen den Gleisen. Die Stützen verbreitern sich am oberen Ende zu pilzförmigen, ins Organische verfremdeten Kapitellen. Auch sonst bestimmen Rundungen und dynamisch gekippte Wandscheiben und Fugen der dunklen Verkleidung das Bild. Das geneigte Fugennetz der Werksteine wirkt wie ein ins Bauwerk übertragener Ausdruck der Verkehrsbewegung in seiner Mitte. Abgesehen von den markanten Stützen, ist der Kontrast der terrazzoartigen schwarzen und weißen Werksteinplatten das bestimmende Thema des Bahnhofs. Die Bahnsteige bilden den hellen Kern, die Seitenwände und Zugangstreppen die dieses Zentrum umschließende dunkle Schale. Eine technizistische Eleganz geht von den glatten, einer polierten Karosserie gleichenden Stein- und Metallflächen der Station aus.

          Dort oben leuchten die Sterne: Max Dudlers Entwurf für den U-Bahn-Bahnhof an der Museumsinsel.
          Dort oben leuchten die Sterne: Max Dudlers Entwurf für den U-Bahn-Bahnhof an der Museumsinsel. : Bild: Max Dudler

          Für Max Dudler stand außer Frage, im Herzen des friderizianischen Berlins dem von ihm verehrten Karl Friedrich Schinkel zu huldigen – mit einer Aneignung klassizistischer Motive. So verschwindet im Bahnhof „Museumsinsel“ der gerade aus dem Tunnel kommende U-Bahnzug schon nach fünf Metern wieder in einem steinernen Torbogen – Dudler gestaltete die räumliche Zäsur zwischen Gleisen und Bahnsteig angelehnt an einen klassizistischen Kolonnadengang. Wandungen und Stützen sind mit bläulichem Granit verkleidet. Für die gewölbte Decke über den Gleisen adaptierte der Schweizer Architekt jenen berühmten Bühnenhimmel, den Schinkel 1816 für eine Inszenierung von Mozarts Oper Zauberflöte entwarf: Zahlreiche Sterne prangen an einem kräftig ultramarin leuchtenden Firmament. Doch sind die insgesamt 6662 Sterne bei Dudler nicht nur aufgemalt, sie leuchten tatsächlich: Bei den Lichtpunkten handelt es sich um Lichtwellenleiter, die hinter der Deckenverkleidung an Projektoren angeschlossen sind. Ein Projektor erhellt rund 135 Sterne. Das Licht der Projektoren bricht sich in den Lichtleitfasern und bringt so ihre Enden zum Leuchten. Der Einsatz szenographischer Effekte wie auch das Konzept des Themenbahnhofs haben in der Berliner U-Bahn Tradition – vom „Rüdesheimer Platz“, der 1913, auf seinen Namensgeber anspielend, mit bacchantisch-weinseligem Dekor ausstaffiert wurde, bis hin zur postmodernen Station „Zitadelle“ in Spandau, die der BVG-Architekt Rainer G. Rümmler 1984 als Einstimmung auf die Oberwelt im Look eines Festungsbauwerks ausführte.

          Eine Kathedrale des Verkehrs

          Axel Oestreich, Partner des Büros Hentschel Oestreich Architekten, ist der Meister einer beiläufigen Monumentalität. Sein Kreuzungsbahnhof „Unter den Linden“ lässt ebenfalls klassizistische Anklänge spüren – jedoch weniger zur klassizistischen Phase um 1800, sondern Bezug nehmend auf Raumkonzepte und Materialien des frühmodernen Neoklassizismus eines Peter Behrens oder Bruno Paul, also der Zeit um 1910. Dieser Eindruck wird verstärkt durch den sandfarbenen, fein geschichteten Kirchheimer Muschelkalk der Wandflächen. Nimmt man den Abgang vom Mittelstreifen der Linden, findet man sich nach wenigen Schritten in einem zwölf Meter hohen, langgestreckten Raum; welch Entrée in die Unterwelt! Ein Kirchenschiff war hier Leitgedanke; in der Tat umfängt den Fahrgast eine Kathedrale des Verkehrs. Auf der untersten Ebene flankiert eine Doppelreihe schlanker Stützen die Bahnsteigebene, die an die schwarzen Säulen in dem von Peter Behrens entworfenen Bahnhof Bernauer Straße erinnern.

          So verschieden die Herangehensweisen der drei Architekten waren – mit den neuen Stationen besinnt sich Berlin auf einen baulichen Anspruch, mit dem die Berliner Verkehrsbetriebe lange nichts am Hut hatten. Er knüpft an Größen wie Alfred Grenander an, den Pionier der Berliner U-Bahn-Architektur, und an den phantasievollen Esprit eines Rainer G. Rümmler in der Westberliner Nachkriegsära. Man wird sehen, ob die Autofahrer sich so verführen lassen, in den Untergrund zu gehen.

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