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Nachtleben : Das Anrecht, jung sein zu dürfen

  • -Aktualisiert am

Neues Berliner Nachtleben: „Goya” Bild: ddp

Hundert Meter Bartresen, zahllose Kronleuchter mit echten Kerzen und Ärzte und Psychoanalytiker als Aktionäre: Der Nachtclub „Goya“ will beweisen, daß der Berliner Westen doch nicht tot ist.

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          Wer in den achtziger Jahren nach Berlin kam und sich von der Stadt lauter Flausen erwartete, der fuhr erst mal zum Nollendorfplatz ins „Metropol“. Dort habe David Bowie verkehrt, hieß es, und wer weiß, vielleicht verkehrt er dort immer noch.

          1980 wurde ihm dort von seinem Freund Iggy Pop, mit dem er sich in Schöneberg eine Wohnung teilte, ein Song gewidmet, woraufhin er auf die Bühne sprang und zwei Nummern mitspielte. Legendäre Zeiten. Und wenn man dann hinkam, war Bowie natürlich nicht da, aber jede Menge Typen, die aussehen wollten wie er, und noch mehr Pop-Touristen, die diese Typen flehentlich anstarrten und hofften, sie seien es vielleicht doch. Irgendwie strahlte der wilhelminische Bau, in dem einst Piscator dem Schauspielhaus vorstand, 1930 NS-Schläger die Vorführungen von „Im Westen nichts Neues“ gestört hatten und später der Fetischclub „Kit-Kat“ untergebracht war, immer die Melancholie verpaßter Chancen aus. Selbst der Konjunktiv schien zu einer Bauruine verkommen, die in der Nachbarschaft von Spielsalons und Autoersatzteilmärkten besonders unfroh wirkte.

          Der Westen will nicht tot sein

          Seit Donnerstag ist das anders. Das „Metropol“ heißt jetzt „Goya“ und wird von einer Aktiengesellschaft betrieben, die neben anderen Hoffnungen offenbar die eine hegt, daß der Berliner Westen doch nicht tot ist - oder zumindest nicht so tot, wie es die Nachricht vermuten ließ, daß die Paris-Bar pleite gemacht habe. Der Gastronom Peter Glückstein, der sich mit der Bar am Lützowplatz einen Namen gemacht hat, ließ den Architekten Hans Kollhoff das Riesengebäude in einen „Hauptstadtclub“ verwandeln, in „Europas größte Cocktailbar“, die vor allem „ein Tanzlokal für Erwachsene“ sein will, die „für Techno zu alt und für Tanztee zu jung“ sind. Die Rede ist von elf Millionen Euro, die zum Großteil aufgebracht wurden durch Aktionäre, die mit ihren Paketen lebenslangen freien Eintritt mit Begleitpersonen erworben haben. Sie alle waren zur Eröffnung gekommen und feierten natürlich um so ausgelassener, je mehr sie investiert haben.

          Sie sind so jung, wie sie sich fühlen

          Das riesige, dreizehn Meter hohe Oval mit zwei Balkonetagen ist ganz in Weiß gehalten, mit schlichtem Stuck verziert, und der einzige Blickfang sind die zahllosen Kronleuchter, in denen echte Kerzen brennen. Das Ganze sieht aus, als habe man über allem weiße Tücher ausgebreitet, um die Einrichtung vor dem Verstauben zu schützen: in Watte gepackter Pomp. Aber selbst in seinem gedämpften Ausdruckswillen ist der Raum ein Gegenentwurf zum Nachtleben des Ostens, das um so ausgelassener zu toben scheint, je trostloser das Ambiente ist.

          Hundert Meter Bartresen

          Im „Goya“ gibt es hundert Meter Bartresen, die über die Stockwerke verteilt sind, zum Teil in Nebenräumen, die entweder als Sauna oder als türkisches Bad ausgekleidet sind und Rückzugsmöglichkeiten bieten, wenn die Musik zu laut wird. Schließlich hat das angestrebte Zielpublikum von „dreißig plus“ andere Anforderungen ans akustische Grundrauschen der Umgebung als junge Menschen mit elastischerem Trommelfell. Es wurde frohgemut verkündet, das Durchschnittsalter der Investoren belaufe sich auf 43 Jahre. Und die größte Berufsgruppe unter den Aktionären seien „Ärzte und Psychoanalytiker“. Früher haben selbige gerne in Abschreibungsmodelle investiert, heute verschreibt man sein Geld lieber der Aussicht, auch im hohen Alter noch dort sein zu dürfen, wo die Post abgeht. Schließlich ist es längst nicht mehr das alleinige Vorrecht der Jugend, jung sein zu dürfen.

          Vom künftigen Konzept war am Eröffnungsabend noch nicht viel zu sehen, denn vorgesehen ist, daß die Tanzfläche von zwanzig Uhr an erst mal als Restaurant genutzt wird, wo der baskische Küchenchef ein Menü für alle serviert, ehe dann neunzig Minuten später die Tische binnen zehn Minuten weggeräumt werden und den Tanzenden Platz machen sollen. Das Ganze ist also eine Form der Event-Gastronomie mit offenem Ende, Restaurant, Disco, Bar und Club in einem, und ob sich das alles ergänzt oder eher im Wege stehen wird, läßt sich nicht erahnen. Aber das Projekt ist kühn genug, um Erfolg verdient zu haben, und im Grunde muß der Berliner Westen jetzt zeigen, daß er des Feierns doch noch nicht müde geworden ist. Drei Tage in der Woche hat er dazu Gelegenheit, die restliche Zeit kann der Club für Veranstaltungen gemietet werden.

          Der junge Osten

          Wenn man so will, dann ist das „Goya“ eine Reaktion auf die sich verändernde Demographie im allgemeinen und die des alten Berliner Westens im besonderen. Jene Menschen, die einst womöglich als Stammgäste des „Metropol“ tatsächlich Bowie erlebt haben, sind schließlich längst in einem Alter, da sie miterleben müssen, wie ihre Kinder wochenends in den Osten verschwinden, um dort unter ihresgleichen zu sein. Und wenn sie sich sommers selbst mal nach Mitte oder Prenzlauer Berg aufmachen, stellen sie verblüfft fest, wie jung die Menschen dort auf der Straße sind.

          Es liegt in der Natur der Dinge, daß in einer Großstadt der Amüsierbetrieb von Viertel zu Viertel immer weiterzieht, um bloß keine nostalgischen Gefühle aufkommen zu lassen. Wer jung ist, wird die Orte meiden, an denen er den eigenen Eltern begegnen könnte, und wer älter ist, möchte sich nicht mehr dem Stress aussetzen, den modischen Ansprüchen der ihm zunehmend undurchschaubaren Partykultur entsprechen zu müssen. Aber wer einst als alt galt, fühlt sich heute noch nicht einmal mittelalt und hat ja das Tanzen auch noch nicht verlernt. Und wer diese Damen und Herren auf der Tanzfläche des „Goya“ gesehen hat, weiß, in was sie investiert haben: in ihr Anrecht, jung sein zu dürfen.

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