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Nacht, Tag und Nacht auf dem Majdan : Der schwarze Schnee von Kiew

Am Samstag auf dem Maidan Bild: dpa

Es sieht aus wie Krieg, es klingt wie Krieg, es hat Tote gegeben. Warum nur haben die Menschen auf dem Majdan keine Angst? Ein Bericht aus dem Zentrum des Widerstands gegen Janukowitsch.

          6 Min.

          „Sie wollen heute Nacht räumen!“, sagt Asia, während sie ihre Twitter-Timeline aktualisiert. Ich schweige und starre auf die Barrikaden des Khretschatyk-Boulevards. Die meterhohen Riesen aus zerstückelten Werbeleuchtkästen, Gummireifen und Holzplatten sehen so unwahrscheinlich aus, dass ich sie mit der Hand streifen muss, um ihre Echtheit zu prüfen. Asia lächelt. Sie ist ukrainische Kunstjournalistin und Kuratorin. Ich kenne sie seit zwanzig Minuten.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Wir müssen zu den vordersten Straßensperren“, sagt sie. Wir gehen vorbei an Zelten mit Schornsteinen, in denen zugereiste Ukrainer übernachten, vorbei an Barrikaden, an Menschen mit Sturmhauben, Gasmasken und Knüppeln in den Händen. Das ist alles nicht wahr, denke ich, es ist ein Film.

          Die Durchgänge zwischen den Straßensperren sind so eng, dass wir warten müssen. Vor den Barrikaden stehen Männer, die die Menschen in kleinen Gruppen hindurchdirigieren. Auf den Unabhängigkeitsplatz - es sind Zehntausende, wenn nicht einhunderttausend Menschen hier - bleiben wir vor der Hauptbühne stehen, auf der Priester ihre Gebete singen. Die ukrainische Kirche hat sich mit den Demonstranten solidarisiert. Asia starrt auf ihr Smartphone: „Es waren Scharfschützen. Mittlerweile sind es fünf Tote!“

          „Das sind doch Gerüchte?“, sage ich und hoffe auf ein „vielleicht“.

          „Nein! Die Menschen wurden einfach vom Dach aus erschossen, es gibt Fotos“, antwortet Asia.

          Meine neue Bekannte führt mich in eine Seitenstraße, ich soll die Haare in der Mütze verstecken. „Durch die nächsten Schleusen werden heute Nacht keine Frauen gelassen, wir werden herumgehen“, sagt Asia. Ein mattes Gefühl kriecht in den Körper - eine Angst, die ich im Leben nie hatte. Der Kopf schreit lautlos: „Hau ab!“ Der Körper gehorcht nicht. Asia erzählt etwas, aber ich kann sie nicht hören. Jetzt erst bemerke ich meine Arme, die sich schützend vor die Brust gelegt haben, als ob mich diese Arme tatsächlich vor einer Kugel retten könnten. Wie albern.

          Überall Feuer. Kampfgesänge und dumpfer, rhythmischer Krach

          Wir gehen in Richtung Regierungsviertel zur vordersten Barrikade am Tor des Dynamo-Kiew-Stadions. Es sieht aus wie Krieg. Überall Feuer. Kampfgesänge und dumpfer, rhythmischer Krach. Plötzlich ein Knall. „Das ist nur eine Handgranate“, sagt Asia. Über uns steigt dicker, schwarzer Rauch in den Himmel. Der Rauch der brennenden Gummireifen ist das letzte Schutzschild der Aktivisten. Und wieder Menschen mit Gasmasken, Knüppeln, auch kugelsicheren Westen. Im schwarzen Qualm sehen sie aus wie gemalt. Das Einzige, was in diesem Moment real ist, ist der Geruch des verbrannten Gummis.

          Ich sage zu meiner neuen Bekannten: „Lass uns hier weggehen.“ Im selben Augenblick versperrt uns ein kleiner Mann mit Sturmhaube und Ukraine-Flagge um die Schulter den Weg. „Ihr müsst gehen! Dieser Bereich ist für Frauen verboten. Die Berkut bevorzugen es, Mädchen zu prügeln.“

          Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich froh, dass mir ein Mann etwas verbietet. Er begleitet Asia und mich aus dem Kampfgebiet zu den hinteren Barrikaden.

          Halbwegs in Sicherheit spüre ich die längst vergessene Kälte und die scharfen Schneeflocken im Gesicht. „Hattest du keine Angst?“, frage ich. Asia erklärt, dass der Maidan seit zwei Monaten ihr Leben ist: „Normal. Komm, wir wärmen uns auf und trinken etwas.“

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