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Nachruf : Zum Tode des Historikers Wolfgang J. Mommsen

In der versäulten Gesellschaft seiner Zunft war der Historiker Wolfgang Mommsen ein Brückenbauer, dessen umsichtige Interpretationen schwierigster historischer Lagen Bestand haben werden.

          Die Propyläen Geschichte Deutschlands gehört zu jenen verlegerischen Großunternehmungen, die ein merkwürdiges Phänomen der bundesrepublikanischen Geistesgeschichte dokumentieren: die Renaissance des Interesses an der Nation just in dem Moment, als der postnationale Teilstaat im Westen endgültig in den Zustand der Saturiertheit übergegangen zu sein schien. Der erste Band erschien 1983, aber die Geschichte überholte die Historiker, und dem Band über die Begründung des Nationalstaats kam seine Wiederbegründung zuvor.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Auf den drei Bänden, die die Zeit von 1850 bis 1933 umspannen, steht derselbe Name, derselbe Nachname: Mommsen. Hans Mommsen behandelte die Weimarer Republik, sein Bruder Wolfgang J. Mommsen, der am Mittwoch beim Schwimmen in der Ostsee einen tödlichen Herzinfarkt erlitten hat, schilderte 1993 und 1995 in zwei Teilen Aufstieg und Fall des Bismarckreiches.

          Gespür für die Unwägbarkeiten sozialer Verunsicherungen

          In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde der erste dieser beiden Bände durch Ernst Engelberg besprochen, den Bismarck-Biographen und Nestor der Geschichtswissenschaft der DDR, mit deren Eingliederung ins westliche System Wolfgang Mommsen als Vorsitzender des Historikerverbandes von 1988 und 1992 befaßt gewesen war. Engelberg befand, das Buch sei "im Geiste zeitnaher Selbstkritik eines sozial verpflichteten Liberalismus geschrieben". Er lobte die Verständlichkeit der Sprache, den Verzicht auf theoretische Überformung der Erzählung, wenn er auch die Anschaulichkeit vermißte - der Autor hatte sich an jene Regeln für die "Sprache des Historikers" gehalten, die er als Direktor des Deutschen Historischen Instituts London einmal in einem Vortrag vor englischen Germanisten niedergelegt hatte. Demnach muß die Historie als Wissenschaft Beschreibungssprache und Quellensprache getrennt halten.

          Mit einer Untersuchung über das denkbar ehrgeizige Thema "Max Weber und die deutsche Politik" hatte der Schüler Theodor Schieders 1959 debütiert, und aus Webers Lehre von der Werturteilsfreiheit zog er die Konsequenz einer stilistischen Askese, die der Vorherrschaft der ungegenständlichen Malerei in den fünfziger Jahren entsprach: Die Abstraktion war der Epochenstil der Verwestlichung. Der marxistische Rezensent warf Mommsen 1993 zwar zwangsläufig die Unterschätzung des Proletariats vor, urteilte aber dennoch, als Historiker der sozialen Veränderungen sei der Autor in seinem Element: "Er zeigt Gespür für die Unwägbarkeiten sozialer Verunsicherungen und persönlicher Lebensschicksale."

          Prägende Erfahrung der Zerstörung der bürgerlichen Existenz

          Als Schüler hatten die Brüder Mommsen die Gewalt eines historischen Prozesses zu spüren bekommen, der tatsächlich Prozeßform annahm, rechtskräftig Glück und Unglück verteilte. Ihr Vater, Professor in Marburg, gehörte zu den ganz wenigen Historikern, die 1945 aus politischen Gründen entlassen wurden. Wilhelm Mommsen, der in Weimar zur republiktreuen Minderheit gehört hatte, wurde Opfer einer Intrige. Diese Erfahrung der Zerstörung der bürgerlichen Existenz bildet den lebensgeschichtlichen Hintergrund der bisweilen überpointierten Stellungnahmen Wolfgang Mommsens zur Frage der Kontinuität in der deutschen Geschichte. Diese Frage sollte seiner Generation "kritischer" Historiker - die Anführungszeichen liebte ein prägendes Mitglied dieser Kohorte zu setzen, Mommsens Kölner Studienfreund Thomas Nipperdey - ihr Leben lang das Stichwort für gelehrte Programmatik und tagespolitische Interventionen bieten.

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