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Nachruf Karl Dietrich Bracher : Der Lehrer der Bonner Republik

Karl Dietrich Bracher (1922 - 2016). Bild: Ullstein

Man muss aus der Geschichte lernen, und man kann aus ihr lernen, wenn man die Demokratie vor den falschen Krisenpropheten retten will: Zum Tode des Zeithistorikers und Politikwissenschaftlers Karl Dietrich Bracher.

          Bonn ist nicht Weimar. Stimmt das? Diese Frage immer wieder neu zu stellen, sie in der gebotenen Nüchternheit zu erörtern, aber auch mit dem gebotenen Ernst, das war für die längste Zeit der deutschen Nachkriegsgeschichte, mindestens bis zur Rückkehr von Regierung und Parlament nach Berlin, die wichtigste Aufgabe des Nachdenkens über die Verfassung der Bundesrepublik. Dass Bonn nicht Weimar sei, hatte 1956, sieben Jahre nach der Wahl Konrad Adenauers zum Kanzler, ein neutraler Beobachter den Westdeutschen bescheinigt, ein Schweizer Journalist. Aber der Befund war eine Momentaufnahme und bezeichnete ohnehin nur das Minimum des unter dem Grundgesetz Möglichen: dass die Demokratie in Deutschland nicht schon wieder gescheitert war.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In der Berliner Republik ist die symbolische Bezugnahme auf das Reich Hitlers als das Gegenteil unseres Staates allgegenwärtig. Die Befürchtung, im Zuge der Restauration des deutschen Nationalstaats werde diese Erinnerung in Vergessenheit geraten, hat sich als grundlos erwiesen. Allerdings hatte die zivilreligiöse Institutionalisierung eines ununterbrochenen Gedenkens an die NS-Zeit eine unerwartete Folge: Als Maßstab der politischen Urteilsbildung ist die Erfahrung der Hitler-Diktatur außer Gebrauch gekommen. Der warnende Verweis auf Ähnlichkeiten zwischen heutigen Zuständen und den Verhältnissen, in denen Hitler seine Chancen fand, ist verpönt. Solche Vergleiche ziehen den Vorwurf der Verharmlosung des Nationalsozialismus, ja der Instrumentalisierung der Opfer auf sich. In einer Zeit, da eine Partei zweistellige Wahlergebnisse erreicht, deren Vorsitzende den Begriff des Völkischen neu bewerten möchte, findet man in einem Hausblatt des liberalen Bürgertums den kollegialen Ratschlag, Journalisten sollten keine Linie zu den Nationalsozialisten ziehen.

          Doktorarbeit in Tübingen

          So verdrängt das Gedenken das Denken, so hat die Beschwörung der Singularität der NS-Verbrechen bewirkt, dass kaum mehr formuliert werden kann, was 1945 die Forderung von Befreiten und Davongekommenen war: dass dergleichen nicht noch einmal geschehen solle. Für den entschiedenen Widerspruch gegen diese ins Unpolitische umgeschlagene Geschichtskultur steht die Lebensarbeit des Bonner Zeithistorikers und Politikwissenschaftlers Karl Dietrich Bracher, der am Montag im Alter von 94 Jahren gestorben ist.

          In der Aufsatzsammlung „Das deutsche Dilemma“ hat Bracher 1972 die Maxime niedergelegt, die seine historischen Forschungen und sein öffentliches Engagement zusammenband: „Es ist die Geschichte, die die Beispiele und Lehren bereithält, wenn man nur den Mut hat, sie von der Gegenwart her auch ganz konkret zu befragen.“ Nicht abstrakt, durch Abgleich von Werten, sondern ganz konkret, im Blick auf Interessen und Spielräume von Akteuren, die Namen haben. So gehörte Bracher zu den Kritikern der von der Regierung Kiesinger schließlich entschärften Entwürfe einer Notstandsverfassung, so forderte er gleich nach den ersten Wahlerfolgen der NPD ein Verbot dieser Partei.

          Die Geschichte lehrt durch Beispiele, durch den Vergleich von Situationen und Personen: Das ist die klassische, aus der Antike überkommene Bestimmung der Nützlichkeit der historischen Studien. Aber ist die „Historia magistra vitae“ nicht im Zuge der Dauerbeschleunigung des modernen Lebens anachronistisch geworden? Es sollte der Geschichte der Geschichtswissenschaft eine ideologiekritische Überlegung wert sein, warum dieser Gemeinplatz in Deutschland mehr Anklang fand als irgendwo sonst. Bracher kam zur Zeitgeschichte von der Alten Geschichte. Er hatte nach der Rückkehr aus dreijähriger amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Tübingen bei Joseph Vogt studiert und eine Doktorarbeit über das Geschichtsdenken der frühen römischen Kaiserzeit geschrieben, die 1987, im Jahr seiner Emeritierung, als Buch erschien.

          Lehrer der Politiker

          Im selben Jahr lieferte er dieser Zeitung einen Beitrag für die Serie „Werksbesichtigung“ auf der geisteswissenschaftlichen Seite, in der berühmte Autoren das Buch unter die autobiographische Lupe nahmen, dem sie ihren Ruhm verdanken. „Die Auflösung der Weimarer Republik – Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie“: Der Untertitel der 1955 gedruckten Berliner Habilitationsschrift verweist zurück auf Brachers althistorische Untersuchungen. Er entwickelte am Untergang der Weimarer oder ersten Berliner Republik ein Verlaufsmodell, in dessen Zentrum das „Machtvakuum“ steht: Die demokratischen Kräfte nutzten ihre von der Verfassung eröffneten Machtchancen nicht und machten damit Hitlers Machtergreifung möglich. Modell dieses Modells sind die Ideen römischer Historiker wie Tacitus zum Übergang von der Republik zum Kaisertum.

          Als Postdoktorand in Harvard erlebte Bracher, dass auch im modernen Imperium der produktive Historiker die klassische Rolle des Ratgebers spielen kann. Arthur M. Schlesinger, sr. und jr., Vater und Sohn, verkörperten diesen Typus des Gelehrtenpolitikers. Bracher, der 1959 auf den neu geschaffenen politikwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität der damaligen Bundeshauptstadt berufen wurde und auch der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät angehörte, wurde der Lehrer der Politiker: Generationen von Abgeordneten, Pressesprechern und Lobbyisten gingen durch sein Seminar, mit Rudolf Scharping beinahe auch ein Bundeskanzler. Die politische Bildung sah Bracher nicht als Zweckentfremdung der Wissenschaft, sondern im Gegenteil als Probe auf die Tauglichkeit ihrer Ergebnisse. Neben seinen dicken Büchern zur Geschichte Europas und seinen Aufsätzen in begriffspolitischen Kontroversen fand er immer noch Zeit für Rezensionen. Bis zu seinem Tod war er einer der Herausgeber der Zeitschrift „Neue Politische Literatur“, einer Gegengründung zu dem anfangs von Altnazis beherrschten „Historisch-Politischen Buch“.

          In der politischen Diskussion über die Lektionen der „deutschen Katastrophe“ von 1933 standen lange auch deshalb konkrete Handlungssituationen im Vordergrund, weil die überlebenden Handelnden Material und Stichworte lieferten. Einer der Professoren, die Bracher in Harvard hätte hören können, war der ehemalige Reichskanzler Heinrich Brüning. 1957 druckte diese Zeitung einen Leserbrief, in dem Bracher die Rezension der Memoiren des ehemaligen Großadmirals Raeder kritisierte. Kennzeichnend für Raeders Schilderungen sei das „Verschweigen des Unangenehmen“, eine „Technik des Weglassens“. In den gleichen Begriffen beschrieb Bracher fünf Jahre später in einem weiteren Leserbrief das Agieren der Bundesregierung in der „Spiegel“-Affäre: eine „Taktik des Verschweigens, Vertuschens, der vollzogenen Tatsachen“.

          Interesse für Geschichte

          Brachers Wirken für die Emanzipation der demokratischen Öffentlichkeit von den obrigkeitsstaatlichen Vorurteilen ergab sich bruchlos aus seinen Erkenntnissen über die langfristigen Ursachen der Resonanz, die Hitler unter den Gebildeten fand. Am Berliner Antisemitismusstreit, einer Feuilletondebatte von 1879, illustrierte Bracher den Zusammenhang von „Nationaldünkel und sozial-ökonomischem Ressentiment“. Der berühmte Historiker Heinrich von Treitschke machte populistische Warnungen vor einer Überfremdung der Deutschen durch jüdische Zuwanderer salonfähig. „Die radikalen Kampfthesen einer kleinen Minderheit sind so aus einer rüden Unterströmung zum weithin akzeptierten oder doch tolerierten Bestandteil des deutschen Zeitbewusstseins geworden.“ Ein „Aufstand der Vernunft“, wie ihn Émile Zola zur Rettung des Hauptmanns Dreyfus anzettelte, blieb in Deutschland aus.

          Unvernünftige Geringschätzung der Regeln der Demokratie machte Bracher in den siebziger Jahren auch bei linken Intellektuellen aus. Das Verächtlichmachen des „Systems“, das wütende Herbeipalavern der „Krise“ – alles schon einmal dagewesen, jetzt kam es von links wieder. Gar nichts anfangen wollte Bracher mit der in den achtziger Jahren aufkommenden Parole von der nationalen Identität. Er definierte die Bundesrepublik vor 1989 als postnationale Demokratie und nannte es nach 1989 eine „Notwendigkeit, den bleibenden Gewinn der trans- und supranationalen Orientierung zu erhalten“.

          Bracher, am 13. März 1922 in Stuttgart geboren, war der Sohn eines liberalen Abteilungsleiters im württembergischen Kultusministerium und heiratete eine Nichte von Dietrich Bonhoeffer. Der Gymnasiast spielte Kontrabass und wollte Astronom werden. Wie Bracher seinem Kollegen Werner Link erzählte, entstand „das Interesse für Geschichte eigentlich relativ spät, im Grunde erst unter dem Eindruck des Krieges und der Gefangenschaft“. Andersherum gewendet: Am Anfang des Berufslebens dieses politischen Historikers stand die Lektion, die er dann siebzig Jahre lang zu verstehen und zu erklären unternahm. Wir alle, Leser und Bürger, sofern wir das Überleben der Demokratie nicht für selbstverständlich halten wollen, stehen reich belehrt in der Schuld von Karl Dietrich Bracher.

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