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Nachruf auf Wolfgang Menge : Der Prophet im eigenen Land

Ein Fernsehriese: Wolfgang Menge Bild: dapd

Wolfgang Menge hat mit „Millionenspiel“ und „Ein Herz und eine Seele“ Fernsehgeschichte geschrieben. Am Mittwoch ist er gestorben. Am Wochenende erinnern einige Sondersendungen an ihn.

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          Er war seiner Zeit voraus. Um Lichtjahre. Seine Fernsehstücke waren brandaktuell und sind zeitlos. Man kann sie bedenkenlos wiederholen, sie verlieren nichts von ihrer Gültigkeit. Sie stammen aus einer Zeit, in der ein kluger Querkopf sich noch durchsetzen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk es wagen konnte, auch einmal Avantgarde zu sein - unterhaltsam, unabhängig, bitterböse und messerscharf in der Gesellschaftsanalyse. Für ein solches Fernsehen stand Wolfgang Menge, ein solches Fernsehen gestaltete er mit der Serie „Ein Herz und eine Seele“ und mit dem Film „Das Millionenspiel“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Blickt man allein auf dieses Stück, zeigt sich die Qualität dieses Autors. Es geht um ein Spiel auf Leben und Tod. Ein Mann wird von einem Killertrio gehetzt; kommt er nach sieben Tagen lebend ans Ziel, gewinnt er eine Million Mark. „Sollte der Kandidat vorzeitig den Tod finden“, hieß es für das Publikum, „so erwartet Sie ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm mit vielen beliebten Künstlern.“ Fast auf den Tag genau vor zweiundvierzig Jahren lief dieser Film. Es wirkt wie die Vorwegnahme einer rundfunkhistorischen Zäsur, wie eine Satire, an welche die Realität in den Jahrzehnten danach fast heranreichen sollte. Brot und Spiele wie im Alten Rom, was 1970 „Das Millionenspiel“ war (nach der Vorlage „The Prize of Peril“ von Robert Sheckley), sind heute „Die Tribute von Panem“.

          Menge hat Fernsehgeschichte geschrieben

          Und wie reagierte das Publikum? Es nahm die Sache für voll. Protestierte ob der einmaligen Geschmacklosigkeit oder gab per Telefon während der Ausstrahlung beim Sender tausendfach Hinweise auf den möglichen Verbleib des flüchtigen Kandidaten, um am Kopfgeld teilzuhaben. Womit sich Menges Satire rundete. Den ganz und gar nicht komischen Killer spielte damals übrigens Dieter Hallervorden, den aalglatten Conferencier gab Dieter Thomas Heck, in der Rolle des Gehetzten, der permanent von Kameras beobachtet wird, trat Jörg Pleva auf. Er rettet so gerade noch sein Leben und damit die Million.

          Schwer verletzt rettet sich der Kandidat ins Ziel: Das Finale des von Wolfgang Menger geschriebenen „Millionenspiels“ Bilderstrecke

          „Wir haben uns ständig überlegt, wie man das Publikum fesselt. Aber wir haben uns immer nur an das gehalten, was wir für richtig hielten“, hat Menge einmal in einem Interview im „Stern“ gesagt. Und so hielt er es für richtig, mit der Serie „Stahlnetz“ einen frühen, realistischen Krimi anzubieten, dem „Tatort“ mit dem Zollfahnder Kressin einen kantigen Ermittler zu verpassen, in dem Dokumentarspiel „Smog“ eine Umweltkatastrophe durchzuexerzieren und in „Die Dubrow-Krise“ (ebenfalls 1970) in einem kleinen Ort an der innerdeutschen Grenze Maueröffnung zu spielen. Auch dieses Stück bezeugt Menges seherische Kraft und seine Lust an der Zuspitzung der bestehenden Verhältnisse.

          Mit der Serie „Ein Herz und eine Seele“ und dem darin auftretenden „Ekel“ Alfred Tetzlaff (gespielt von Heinz Schubert) hat Menge Fernsehgeschichte geschrieben. Er entwarf einen Familientyrannen, in dessen vor allem gegen „die Sozis“ gerichteten Tiraden und rhetorischen Duellen mit seinem Schwiegersohn (Dieter Krebs) sich die politischen Kämpfe der sechziger und siebziger Jahre widerspiegeln. Anfang der Neunziger suchte Menge dies mit dem Charakter „Motzki“, der an den Zuständen im frischgeeinten Deutschland kein gutes Haar lässt, zu wiederholen. Die Serie war erfolgreich, kam vor allem im Osten gut an, wurde aber abgesetzt. Sie wirkte im Umfeld der inzwischen herrschenden Programmordnung als denkbar scharfes Kontrastmittel.

          Ein Prophet, der die Gegenwart zu deuten wusste

          Geboren wurde Wolfgang Menge am 10.April 1924 in Berlin, sein Vater war Studienrat, seine Mutter war Jüdin und stammte aus Rumänien. Sie überlebte die NS-Zeit durch den Schutz des Vaters und, wie es in dieser Zeitung einmal hieß, „einige nachlässige oder gutwillige Beamte“, ihre Angehörigen wurden sämtlich ermordet. Seine Zugehörigkeit zum Judentum erlebte Wolfgang Menge in seiner Jugend durch die fortschreitende gesellschaftliche Ausgrenzung, gleichwohl wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg volontierte er beim German News Service, dem Vorläufer der Deutschen Presse-Agentur. Er ging zum „Hamburger Abendblatt“, wurde Ostasien-Korrespondent der „Welt“ und begann Drehbücher zu schreiben, zunächst für den Hörfunk des NWDR, dann für das Fernsehen. Er war Mitbegründer und Moderator der Talkshow „3 nach 9“ bei Radio Bremen, die zu seiner Zeit das typische Menge-Momentum pflegte: Sie war unberechenbar, garantiert waren die Überraschung und die Lust an der Kontroverse.

          Wolfgang Menge war ein genialer Fernsehautor, ein Prophet, der die Gegenwart für die Zukunft unterhaltsam zu deuten wusste und nichts so sehr fürchtete wie Langeweile. Seine ehemaligen Mitstreiter, einstige und amtierende Intendanten, rühmen, er habe Maßstäbe gesetzt. Doch sollten sie sich auch fragen, warum wir von der Art Fernsehen, das Menge prägte, heute kaum noch etwas sehen. Am Mittwoch ist Wolfgang Menge in Berlin im Alter von 88 Jahren gestorben.

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