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Nachruf auf Meat Loaf : Größer als das Leben

  • -Aktualisiert am

Meat Loaf in der Aufmachung für „The Rocky Horror Picture Show“, 1975. Bild: Moviepix/Getty Images

Für die Liebe seiner Fans tat er alles, nur eines nicht: sich selbst allzu ernst zu nehmen. Meat Loaf, der gewichtigste und erfolgreichste Rockopern-Sänger aller Zeiten, ist nun mit 74 Jahren gestorben.

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          Hin und wieder kommt es vor, dass ein Rockmusiker sich mit einem einzigen Erfolg verausgabt, sein Pulver verschießt – weil die kreativen Kräfte für einen weiteren nicht reichen, aber auch, weil das Auskosten dieses einen Erfolgs so ungeheuer strapaziös ist. Joe Cocker wäre dies nach seiner Mammut-Tournee „Mad Dogs & Englishmen“ 1970 beinahe passiert, wenn nicht Manager und Produzenten ein wenig dabei nachgeholfen hätten, dass er wieder auf die Beine kam. Meat Loaf hatte dieses, nun ja, Glück nicht und geht jetzt, wo er mit vierundsiebzig Jahren gestorben ist, als der wohl krasseste Fall eines One-Hit-Wonders in die Rock- oder wohl eher Rockoperngeschichte ein. Nachdem „Bat Out Of Hell“ (1977) in so gut wie jeder Hinsicht ausgeschlachtet war, musste er feststellen, dass seine Vier-Oktaven-Stimme und die Geschäftsbeziehung zu Jim Steinman, der ihm die Songs dazu auf den schweren Leib geschrieben hatte, ruiniert waren.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Meat Loaf, der aus Dallas, Texas, stammte, vagabundierte zwischen Kalifornien und Detroit herum, wirkte in Off-Broadway-Produktionen und in der „Rocky Horror Picture Show“ (1976) mit, bis ihn der Wagnerianer und ehemalige Klavierstudent Jim Steinman als passendes Gefäß für seine pubertären und größenwahnsinnigen Erlöserphantasien entdeckte. Aus seinem zeitgenössisch treffend adaptierten Peter-Pan-Musical „Never Land“ destillierte er mit dem Meisterproduzenten Todd Rundgren das, was unter dem Titel „Bat Out Of Hell“ das Entzücken der Teenies und ein Anstoß für die seriöse Kritik wurde.

          Lieder wie „Paradise By The Dashboard Light“, „Two Out Of Three Ain’t Bad“ und vor allem „You Took The Words Right Out Of My Mouth“, die Meat Loaf mit vollem Körpereinsatz röhrte, bewiesen, dass man gar nicht mehr dick genug auftragen konnte. Das Magazin „Rolling Stone“ hörte hier „Motorräder in ölgeschwängerter Ekstase kopulieren, eine halbwüchsige Libido, die ihre lüsternen Motoren aufheulen lässt, ein Libretto, das mit Clerasil auf den Badezimmerspiegel geschrieben wurde, und einen Soundtrack, der für eins von Jack Nicholsons frühen Biker-Epen gut genug gewesen wäre“.

          Im Grunde artikulierte die Platte, die als meisterverkaufte erst von AC/DCs „Back In Black“ abgelöst wurde, aber auch bloß, auf freilich parodistisch überzeichnete Art und Weise, klassische Halbwüchsigen-Sehnsüchte und -phantasien, wie man sie seit den fünfziger Jahren kannte; ein zeitgenössischer Marlon-Brando- und James-Dean-Soundtrack für eine Generation, die im Kino Popcorn und Coca-Cola eimerweise zu konsumieren begann.

          Es ist bezeichnend, dass Meat Loaf, der diesen Spitznamen von seinem Alkoholiker-Vater und von seinem Football-Trainer verpasst bekam, erst wieder mit dem Aufguss „Bat Out Of Hell II: Back To Hell“ 1993) Furore machte. Das grammyprämierte Lied „I Would Do Anything For Love (But I Won’t Do That)“ klang, als wäre nie etwas gewesen, und stillte die plötzlich wieder erwachte allgemeine Bombast-Sehnsucht; nur Meat Loafs Stimme hatte an Kraft verloren und an Höhe noch einmal gewonnen.

          Meat Loaf, geboren am 27. September 1947 als Marvin Lee Aday in Dallas, gestorben am 20. Januar 2022, in seinem Element Bilderstrecke
          Meat Loaf gestorben : Ein Sünder vor der Himmelstür

          Marvin Lee Aday hatte das Pech oder, wie man’s nimmt, das Glück, sich in einem Jahrzehnt verausgaben zu müssen oder zu dürfen, in dem die Parole „bigger than life“ nichts Anstößiges hatte, aber eben auch an ihre Grenzen kam. Dass er es auf sich nahm, Menschen, die eigentlich gar keine Rockmusik mögen, mit diesem XXL-Format und gewissermaßen letztem Einsatz aus der Reserve zu locken, deutet darauf hin, dass Meat Loaf persönlich Selbstironie und -distanz nicht fremd waren.

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