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Komponist Udo Zimmermann : Weltbürger aus Dresden

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Udo Zimmermann wurde 78 Jahre alt Bild: dpa

Ein Leben im Spagat: Udo Zimmermann hat als Komponist, Dirigent und Intendant von sich reden gemacht – und war zuletzt fast ein Jahrzehnt lang verstummt. Am Freitag ist er verstorben.

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          Er ist der Welt noch einen „Gantenbein“ schuldig. Jahrelang schob der Komponist Udo Zimmermann dieses Opernprojekt nach dem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch vor sich her, jahrelang stand schon fest, dass daraus nichts mehr werden wird. Eine schwere Krankheit hat den Künstler bereits seit fast einem Jahrzehnt verstummen lassen. Die letzten Kompositionen waren ein Cellokonzert für Jan Vogler sowie ein Violinkonzert für Elena Denisova.

          Dabei war der 1943 in Dresden geborene Künstler in besonderer Weise für seine Umtriebigkeit bekannt. Nach kompositorischen Anfängen schon im jugendlichen Alter im Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger studierte Zimmermann Gesang, Dirigieren und Komposition. Er schuf Vokal- und Instrumentalwerke, wurde aber vor allem mit seinem Musiktheater bekannt. Die Kammeroper „Weiße Rose“ um das Schicksal der Geschwister Scholl zählt zu den am häufigsten aufgeführten Gegenwartsstücken und ist bereits mehr als 200 Mal inszeniert worden. Aber auch „Levins Mühle“ (nach Johannes Bobrowski), „Der Schuhu und die fliegende Prinzessin“ (Peter Hacks) und „Die wundersame Schustersfrau“ (Federico García Lorca) machten ihn in Ost und West bekannt.

          Er glaubte an die Kraft der Musik

          Neben dem kompositorischen Wirken tat sich Zimmermann auch als Vermittler hervor, gründete 1974 das „Studio Neue Musik“ und entwickelte es weiter zum Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik. Daraus hervorgegangen ist 2004 das heutige Europäische Zentrum der Künste Hellerau, dem er bis 2008 als Intendant vorstand. Bereits ab 1985 war er zudem in Bonn tätig, wo er an der dortigen Oper die Werkstatt für zeitgenössisches Musiktheater leitete.

          Gewappnet mit guten Kontakten sowohl in der Künstlerschaft als auch im überregionalen Feuilleton, übernahm Udo Zimmermann ab 1990 die Oper Leipzig, die in seiner elfjährigen Intendanz zu einem Flaggschiff der Moderne avancierte. Mit dem vollmundigen Slogan „Oper im Aufwind“ setzte er Maßstäbe und brachte Uraufführungen etwa von Jörg Herchet, Dieter Schnebel und Karlheinz Stockhausen auf die Bühne. Das eigene Kunstschaffen geriet allerdings in den Hintergrund. An der Deutschen Oper Berlin, wo Zimmermann ab 2001 in der Nachfolge Götz Friedrichs als Generalintendant wirkte, war ihm nur ein kurzes Wirken vergönnt. 2003 musste er das Haus wieder verlassen, blieb aber bis 2011 Künstlerischer Leiter der musica viva am Bayerischen Rundfunk, wo während seiner vierzehnjährigen Amtszeit erstaunliche 175 Werke uraufgeführt worden sind.

          „Ich könnte mir gar nicht vorstellen“, hat Zimmermann einmal gesagt, „dass man Künstler ist und keinen Glauben hat, an was auch immer.“ Er glaubte an sich und an die Kraft der Musik. Mit diesem Rüstzeug und der frühen Prägung durch ein musisches Elternhaus sowie seine Zeit im Dresdner Kreuzchor lebte er in dem Anspruch, Weltbürger zu sein. Noch während der deutschen Teilung dirigierte er namhafte Orchester beidseits der Grenze und wollte auch nach der Wiedervereinigung kein „schöngeistiger Verwaltungsbeamter“ sein.

          Die nur in wenigen Skizzen entworfene Oper „Gantenbein“ wird er der Welt schuldig bleiben. Am Freitag ist Udo Zimmermann im Alter von 78 Jahren nach jahrelanger Krankheit gestorben.

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