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Zum Tod von Hannelore Elsner : Die Berührbare

Bild: Picture-Alliance

Sie beherrschte das Rätsel der Attraktion, und traurig ist es, dass das deutsche Kino ihr nicht früher und häufiger den großen Platz eingeräumt hat, den sie zu füllen vermochte: ein Nachruf auf die Schauspielerin Hannelore Elsner.

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          Es ist nun mal leider so, wenn man sich an die ersten Bilder von deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern zu erinnern versucht, dass viele Spuren zurück ins Fernsehen führen oder in enge Verschläge, die man „Schachtelkinos“ nannte – und auch in die eigene Kindheit. Dabei geht es oft ungerecht zu, aber dann tauchen plötzlich unvergessene und unvergessliche Momente mit Hannelore Elsner auf. Die Schauspielerin, die am Ostersonntag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von sechsundsiebzig Jahren gestorben ist, spielte in Fernsehserien wie „Tausendundeine Nacht“ oder in „Der Kommissar“, in den „Lümmeln von der letzten Bank“ und in Filmen, für die man noch zu jung war damals wie der Simmel-Adaption „Der Stoff aus dem die Träume sind“. Die Faszination, die von ihr ausging, vom bewegten Bild wie vom Kinoplakat, war für einen Jugendlichen im Vorfeld der Pubertät enorm.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Von Hannelore Elsner, die 1942 im bayerischen Burghausen geboren wurde, ging etwas Exotisches aus im deutschen Kino und Fernsehen. Die vollen dunklen Haare, der sinnliche Mund, dem man in späteren Filmen auch die Nuancen der Bitterkeit ablesen konnte, und vor allem diese dunkle, verführerische Stimme waren in den Jahren um 1970 nichts, was einem selbstverständlich vorgekommen wäre. Wie großartig sie schon mit Anfang zwanzig gewesen war, das erfuhr man erst viel später, als zum Beispiel Will Trempers Film „Die endlose Nacht“ von 1963 endlich auf DVD herauskam, in dem sie als Starlet auf dem Flughafen Tempelhof strandet. Man hätte es fast vergessen können, weil sie nach Schauspielausbildung und ersten Theaterrollen vor allem in Lümmel-Filmen oder freudloser Lustspielkost der sechziger Jahre gecastet worden war, denen sie dann mühelos mehr Sexappeal mitgeben konnte als ihre versammelten Mitspielerinnen.

          Mit dem Niedergang des Kinos in Deutschland blieb nur der Weg ins Fernsehen, was einerseits schade war, ihr andererseits aber eine Bekanntheit und Würdigung verschafft hat, die anders kaum zu haben gewesen wäre. Eine doch ziemlich durchschnittliche Serie wie „Die Kommissarin“ wurde durch ihre Präsenz zu etwas, was man sehen wollte, zumindest in den ersten Jahren. Es wurden am Ende zwölf, von 1994 bis 2006, mit sechsundsechzig Episoden in sechs Staffeln, in der Hannelore Elsner Lea Sommer spielte, die in Frankfurt ermittelte und voller Strenge und Verständnis für die Strauchelnden ihre Fälle löste.

          Hannelore Elsner 1972 in Berlin Bilderstrecke
          Hannelore Elsner : Eine große Abenteuerin

          In diese Zeit, in das Jahr 2000, fiel auch das große Kino-Comeback der Hannelore Elsner, weil der Regisseur Oskar Roehler erkannt hatte, dass nur sie Hanna Flanders spielen konnte, „Die Unberührbare“, die Schriftstellerin, bei der immer klar war, dass sie nach dem Bild von Roehlers eigener Mutter modelliert war, die Gisela Elsner hieß. Dieser exaltierten, exzentrischen und vor allem verzweifelten Frau nahm sich Hannelore Elsner in einer Weise an, dass man sich auch mal die Phrase von der „Rolle ihres Lebens“ leisten darf. Wie sie den Verfall, den Weg in die Dunkelheit spielte, mit welcher Würde, die starre schwarze Perücke wie einen Helm tragend, der sie vor der Welt schützen soll, das war einfach großartig. Dass sie dafür den Deutschen Filmpreis bekam, war das Mindeste.

          Es war, als habe Roehler anderen die Augen geöffnet, was es da für eine Schauspielerin gab. Oliver Hirschbiegel drehte zwei Jahre später ein Solo mit ihr und für sie. In „Mein letzter Film“ ist sie eine alternde Schauspielerin, die vor laufender Kamera (als Kameramann von ihr auf der Straße verpflichtet: Wanja Mues) ihr Leben vorbeiziehen lässt: ein Monolog, adressiert, an ihren Entdecker und Lebensgefährten, neunzig Minuten lang. Ihre vielen Facetten kamen jetzt, da sie Sechzig erreicht hatte, vor allem in der Zusammenarbeit mit Roehler noch einmal zur Geltung, mit dem sie ganz offensichtlich den Spaß am Durchgeknallten, Abgedrehten entdeckte. In „Suck my Dick“ (2001) war sie eine Sprechstundenhilfe, in der RTL-Produktion „Fahr zur Hölle, Schwester!“ (2002) lieferte sie sich ein Superduell mit Iris Berben: zwei zutiefst verfeindete Schwestern, die Berben im Rollstuhl, die Elsner als Racheengel. Das war zwar nicht gerade Robert Aldrich und „What ever happened to Baby Jane?“ mit Bette Davis und Joan Crawford, aber es hatte, trotz der Verrisse, eine bösartige Energie, die selten ist im deutschen Fernsehen – und zwei Schauspielerinnen, die mutwillig und lustvoll gegen ihre Images spielten.

          Und es gab noch einen ganz anderen Regisseur, der sich mit der Kamera in die ältere Hannelore Elsner verliebte. Bei Rudolf Thome spielte sie in der „Zeitreisen“-Trilogie „Rot und blau“ (2003), „Frau fährt, Mann schläft“ (2004) und „Rauchzeichen“ (2006) starke, ein wenig rätselhafte, noch immer sehr attraktive ältere Damen mit komischen Namen wie „Bärenklau“, immer mit diesem leichten linkshändigen Dreh, den Thome-Filme haben, denen zugleich die Großzügigkeit anzumerken ist, mit der er seine Schauspieler arbeiten lässt. In „Alles auf Zucker“ (2004) war sie eine jüdische Matriarchin, die mit ihrem Zocker-Ehemann (Henry Hübchen) hadert.

          Es hat etwas von nachholender Gerechtigkeit, dass sie jenseits der Sechzig wieder fürs Kino gewonnen wurde, ohne dass deshalb ihre Fernsehauftritte im „Traumschiff“ oder anderswo aufgehört hätten. Für Doris Dörrie war sie in „Kirschblüten – Hanami“ (2008) eine alte Dame, die sich um ihren schwer kranken Mann (Elmar Wepper) kümmert; der Auftritt in der Fortsetzung „Kirschblüten und Dämonen“ dürfte, wenn die Angaben stimmen, Hannelore Elsners letzte Rolle gewesen sein.

          Man kann im Rückblick auf die mehr als hundert Rollen, auf die Erinnerungen, die man mit vielen von ihnen verbindet, nur doppelt traurig sein: Darüber, dass sie nicht mehr ist, und darüber, dass das deutsche Kino so ist, wie es ist, denn sonst hätte es dieser wundervollen Schauspielerin früher und häufiger viel größere Auftritte gegönnt.

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