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Nachruf auf Gerd Albrecht : Was jeden packen und mitreißen muss

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Heute kann man gar nicht mehr verstehen, dass einst solche Nähe zum Publikum mitunter dem künstlerischen Ruf schaden konnte. Albrechts Karriere freilich blieb davon unberührt, seine Offenheit hat ihm nicht geschadet. 1972 übernimmt er als Ständiger Dirigent die musikalische Oberleitung der Deutschen Oper Berlin, von 1975 bis 1980 steht er dem Tonhalle-Orchester Zürich vor, und von 1988 bis 1997, eine lange, vielleicht sogar seine wirkungsmächtigste Schaffensphase, verantwortet er gemeinsam mit dem Intendanten Peter Ruzicka die Geschicke der Hamburgischen Staatsoper.

Wiederentdecker der Romantik

Zahlreiche Uraufführungen, darunter Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexiko“, Alfred Schnittkes „Historia von D. Johann Fausten“, Alexander Zemlinskys „Der König Kandaules“, Rolf Liebermanns „Freispruch für Medea“ und Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ machen die Ära Albrecht-Ruzicka zu einer Glanzzeit, die bleibende Spuren in der Musikgeschichte der Moderne hinterlassen hat. Parallel dazu sorgt Albrecht mit Auftragswerken, etwa von Aribert Reimann, Hans Werner Henze, Krzysztof Penderecki und György Ligeti, sowie mit der posthumen Uraufführung von Paul Dessaus „Hagadah shel Pessach“ für die Erneuerung des Konzertrepertoires.

Die große Liebe des Musikentdeckers Albrecht gilt zeitlebens den verfemten und vergessenen Komponisten der Spät- und Nachromantik. Wiederum als einer der Ersten bringt er die Werke von Zemlinsky und Franz Schreker zurück auf die Spielpläne. Er bemüht sich um das kompositorische Erbe von Viktor Ullmann, Pavel Haas und anderer Opfer des Holocaust. Setzt sich ein für Othmar Schoeck und den bis heute gerne unterschätzten Großsymphoniker Allan Pettersson. Und mit ihrer intellektuell gezügelten Emotionalität setzen seine Ersteinspielungen dieser Stücke bis heute Maßstäbe auch in der Diskographie.

Im Jahr 1991 wählen ihn die Musiker der Tschechischen Philharmonie zum Chefdirigenten – auch hier ist Gerd Albrecht wiederum ein Pionier, der erste Ausländer, ja, mehr noch, der erste Deutsche auf diesem Posten in Prag. Doch so kurz nach dem Wendejahr 1989 überforderte dieser Umstand viele tschechische Musikfreunde, und auch das Orchester, um das er warb, für das er kämpfte. Albrechts Prager Engagement scheiterte 1996 an diesen Querelen. Tröstlich, dass es acht Jahre später dann, auf einer gemeinsamen Tournee, die auch zu den Salzburger Festspiele führte, zu einer künstlerischen Versöhnung mit dem Orchester kam: Auch dieser Kampf hat sich gelohnt. Am Sonntag ist Gerd Albrecht im Alter von achtundsiebzig Jahren in Berlin gestorben.

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