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Nachruf auf François Jacob : Die Logik des Lebens

François Jacob (1920 - 2013) im Frack des Académicien. Bild: AFP

Seine Arbeiten auf dem Gebiet der Genetik waren bahnbrechend, seine Gedanken zum Fortschreiten der Wissenschaft sind unverändert lesenswert: Zum Tod des Biologen François Jacob.

          „An den Tod, das Sterben, jenen Übergang - wie man sagt: er ist hinüber - darf man nicht denken.“ So steht es auf den ersten Seiten der wunderbaren Autobiographie von François Jacob. Sie erschien 1987, als der 1920 in Nancy geborene Jacob längst eine Eminenz der Molekularbiologie war, geehrt bereits 1965 mit dem Nobelpreis für Medizin für bahnbrechende Forschungen über die Genetik von Bakterien und Viren.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Der sich diese Maxime vorsetzte, den Tod aus seinen Gedanken zu halten, kam freilich von Nachsinnen über den unausweichlichen Verfall nicht los. Es galt, die offene Zukunft, das ständige Entwerfen von neuen Zielen dagegenzusetzen. Und im Rückblick schien ihm, dass solche Rastlosigkeit zumindest auf einem Feld etwas Gutes hatte, nämlich auf dem der Wissenschaft. Zumindest dann, wenn man sich an ein realistisches Bild der Wissenschaft hält, nicht an eine ihrer stromlinienförmigen Darstellungen.

          In einer Welt des Spiels

          Ein solches aus der eigenen Erfahrung mit der entstehenden Genetik geschöpftes Bild hat François Jacob auf eindrucksvolle Weise entworfen. Wenn ihm auch erst spät, sehr spät, wie er schrieb, das eigentliche Wesen der Wissenschaft klargeworden sei. Dass sie nämlich durchaus nicht eine Folge vorgezeichneter Entwicklungen ist und auch nicht einfach das Produkt von Schlussfolgerungen, die sich aus klar geschnittenen Experimenten und evidenten Überlegungen ergeben. Er fand in der Wissenschaft vielmehr „eine Welt des Spiels und der Phantasie, eine Welt von Süchten und fixen Ideen“. Zu seiner Überraschung waren die produktiven unter seinen Kollegen Menschen mit eher wunderlichen Anschauungen, „oft auf merkwürdige Weise gleichzeitig kalt und leidenschaftlich, scharfsinnig und schrullenhaft, eine Mischung aus Wille zur Macht und Naivität“.

          Damit hatte Jacob durchaus nicht nur Anekdotisches im Blick. Was er in seiner bis heute unverändert lesenswerten Geschichte der Vererbung, „Die Logik des Lebenden“ (1970) vor Augen führte, war eine Wissenschaft, die keine gebahnten Königswege kennt, die herum tastet, bestimmte experimentelle Dispositive entwickelt, ohne noch genau zu wissen, wohin sie führen, sie wieder verwirft, plötzlich zwei oder mehrere von ihnen unter einer neuen Fragestellung zusammenfasst, ohne sich um Fundierungen dieses Vorgehens weiter viel zu kümmern.

          Erzeugung von Zukunft

          Unter dem Eindruck der modernen Lebenswissenschaften - und auch der neueren Wissenschaftsforschung - haben wir uns mit diesem Bild vertraut gemacht. Jacob aber war einer der Ersten, der sah, dass die neue Biologie die „Wahrheit nicht mehr sucht; sie baut ihre Wahrheit auf“. Die experimentellen Dispositive sind dann nichts anderes als Maschinen für die Erzeugung von Zukunft in Gestalt neuer Fragen: keine elegant durchkonstruierten Maschinen freilich, sondern eher Provisorien - genauso wie die zugehörigen biologischen Modellsysteme - in einem nie still gestellten Prozess des versuchsweisen Umbauens, der Bricolage.

          Diese Einsicht hat François Jacob auch davor bewahrt, die neue Leitwissenschaft der Biologie mit unausweichlichen Folgerungen für unser Selbstbild zu verknüpfen - wozu etwa Jacques Monod, der mit ihm gemeinsam den Nobelpreis erhalten hatte, deutlich und mit großem Publikumserfolg neigte. Gegen Reduktionismen aller Art war sein Nachdenken über Wissenschaft gefeit, das Prinzip der offenen Zukunft war bei ihm von keinem Determinismus anzutasten.

          Gebahnt war auch nicht Jacobs Weg in die Biologie. Nach dem Krieg - er hatte in den Einheiten des Freien Frankreich gekämpft und war in der Normandie schwer verwundet worden - promovierte er in Medizin. 1950 kam er an das Institut Pasteur, dessen Präsident er in den achtziger Jahren werden sollte. Seit 1965 hatte er am Collège de France auch einen Lehrstuhl für Zellgenetik inne, seit 1996 war er einer der Unsterblichen. Am Samstag ist er im Alter von zweiundneunzig Jahren in Paris verstorben.

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