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Zum Tod von Al Jarreau : Der Sänger, der kein Orchester brauchte

Al Jarreau 1940 - 2017 Bild: Reuters

Am Sonntag ist Al Jarreau im Alter von 76 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die Welt einen Sänger, der mit seiner Stimme alles konnte und dessen Werk sich nicht auf einen Nenner bringen lässt.

          Andere Sänger lassen sich auf ein Genre festlegen. Al Jarreau nicht. Jazz, Rhythm and Blues, Pop – in diesen drei Sparten hat er den Musikpreis Grammy gewonnen, und das kam nicht von ungefähr. Al Jarreau hatte eine Stimme, mit der er all das konnte und – was ihm zu Beginn seiner Karriere Aufmerksamkeit bescherte – noch viel mehr. Al Jarreau war der Mann, der ein Orchester ersetzte. Besonders seine Version des Klassikers „Take Five“ von Paul Desmond gibt davon Zeugnis. Was Dave Brubeck im Original auf dem Flügel aus dem Handgelenk zaubert, setzt Al Jarreau ohne Instrument in Szene.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Im Nachsingen von Songs hatte sich Al Jarreau von Kindesbeinen an geübt. Geboren am 12. März 1940 in Milwaukee unter dem Namen Alwyn Lopez Jarreau als fünftes von sechs Kindern eines protestantischen Pfarrers und einer Pianistin, zog er als Student mit einem Gesangsquartett durch die Vereinigten Staaten. Doch er studierte nicht Musik, sondern Psychologie und wirkte im Hauptberuf als Sozialarbeiter und Rehabilitationshelfer. Den Sänger Al Jarreau erlebten in den sechziger Jahren zunächst nur die Besucher der Jazz-Clubs von San Francisco.

          Dort machte er Bekanntschaft mit einer ganzen Reihe von Musikern, bevor er sich Ende der Sechziger dem Trio von George Duke anschloss. Bis zu seinem Debüt mit einer eigenen Platte sollte es noch etwas dauern: Das war „We Got By“ im Jahr 1975. Im Jahr darauf gastierte er im Hamburger Szeneclub „Onkel Pö“ und fiel dem NDR-Jazzredakteur Michael Naura auf, der das Konzert fürs Fernsehen aufzeichnete. Das machte Al Jarreau auf einen Schlag bekannt und war der Grund für seine Verbundenheit zu seinem Publikum in Deutschland, das ihm über alle Stilwechsel, die er vollziehen sollte, die Treue hielt.

          „Wer ihn nicht gesehen hat, hat ihn nicht gehört“

          Beim Jazz nämlich blieb Al Jarreau nicht, auch wenn ihm seine Interpretation des Scat-Gesangs zum Durchbruch verhalf. Er sei der „Mann mit dem Orchester in der Kehle“, hieß es einmal in der F.A.Z. Mit seiner Stimme machte er jeden Intervallsprung und jedes Tempo, transportierte aber auch die Farben und die Wärme des Blues, Gospel und Soul, und das drückte er auch mit seiner ganzen Performance aus. „Wer ihn nicht gesehen hat, hat ihn nicht gehört“, schrieb ein Kritiker in den „Stuttgarter Nachrichten“.

          In den achtziger Jahren freundete sich Al Jarreau mit dem Pop und dem Funk an. Für Jazz-Puristen mochte das als Irrweg erscheinen, es bescherte dem Sänger, der das Publikum mit seiner unverstellten Menschenfreundlichkeit, mit Charme, Witz und positivem Sinn für sich einnahm, aber seine größten Erfolge mit der Platte „L is for Lover“ und Titeln wie „We’re in This Love Together“, „Mornin’“ oder „Moonlighting“. Den jüngeren Kollegen Bobby McFerrin, der wie er selbst als Stimm-Akrobat Furore machte, hätte Al Jarreau eigentlich als Konkurrenten betrachten müsse, der ihm seinen Rang streitig machte. Doch das war Jarreaus Sache nicht, die beiden nahmen sogar gemeinsam ein Stück auf.

          Er konnte alles singen

          In den neunziger Jahren war Al Jarreau mit seinen Alben weniger erfolgreich, auf Tour aber ging er weiterhin und auch immer wieder in Deutschland. Als Live-Interpret ließ er nicht nach, doch war er, der ja alles singen konnte, musikalisch bis vor rund zehn Jahren auf der Suche bis zu einem Punkt, an welchem dem Kritiker der F.A.Z. sein Repertoire wie eine „Enzyklopädie der populären Musik“ erschien. Das war der Zeitpunkt, zu dem Al Jarreau, der es eben noch mit Pop-Songs wie „All I Got“ probiert hatte, zu seinen Anfängen und zum Jazz zurückkehrte.

          Am Sonntag ist Al Jarreau im Alter von 76 Jahren gestorben. Kurz zuvor hatte er eine Tournee abbrechen und mitteilen lassen müssen, dass er nicht mehr auftreten könne. Er sei „dankbar für seine fünfzig Jahre, in denen er die Welt im Priestertum durch Musik bereist hat und für alle, die dies mit ihm teilten – sein treues Publikum, die engagierten Musiker und so viele andere, die seine Bemühungen unterstützten,“ hieß es auf Al Jarreaus offiziellem Account.

          „Priestertum durch Musik“ – die Zuschreibung würde bei jedem anderen wohl seltsam anmuten. Zu dem Stimm-Virtuosen Al Jarreau, der die Stile wechselte, aber seine Berufung gefunden hatte, passt sie.

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