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Nachrichtenagenturen gendern : Hingedrehte Bedeutungen

Früh übt sich, wer die Evolution von Sprache befördern möchte. Bild: Picture-Alliance

Sprachliche Genderdebatten verengen Sprachdebatten auf die Diskriminierungsfrage. Dabei bleibt seltsam unerörtert, ob überhaupt Diskriminierungen vorliegen.

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          Haben wir eine lebendige Sprachdiskussion in unserem Land? Sprechen wir über den Reichtum von Sprache, wie er sich in der ungeheuren Komplexität des Übersetzens zeigt, einer Kunst, bei der es darum geht, Nuancen zu treffen und selbst Jargon und Wortwitz von der Ausgangssprache in die Zielsprache zu übertragen – ein oftmals verzweifeltes Unternehmen, von dem Übersetzer sagen, am Ende doch nur auf hohem Niveau scheitern zu können. Wobei das Übersetzer-Handwerk bloß deutlich macht, was die Fährnisse von Sprache überhaupt ausmacht, sofern sie sich der stereotypen Anwendung entziehen möchte, dem Rückgriff auf Schablonen und ungeprüfte Voraussetzungen.

          Und da müssen wir sagen: Nein, eine solche Diskussion über Sprache findet allenfalls in geschlossenen Systemlogiken statt, bei Fragen des fachgerechten Einsatzes etwa von juristischen, theologischen oder historischen Begrifflichkeiten. Zugleich lässt die Fiktion eines allgemeinen Sprachverständnisses, nach dem man sich nur zu richten brauche, Bedeutungskämpfe seltsam obsolet erscheinen. Exotisch wirken da Überlegungen, welche Kontexte bei der Ermittlung von Bedeutungen im sogenannten allgemeinen Sprachverständnis einschlägig sind und welche doch nur falsche Fährten legen; welche Beleuchtungen einen Sachverhalt erhellen und welche ihn im Gegenteil verzerren. Mit einer gewissen Breitenwirkung wird allenfalls versucht, sich zur Abwehr von fake news über vermeintlich feststehende Bedeutungen zu einigen, genährt von der falschen Hoffnung, Fakten ließen sich diesseits ihrer Hermeneutik nach Hause tragen.

          Wenn es derzeit so etwas wie eine öffentliche Sprachdebatte gibt, dann ist es die Verengung der Sprache auf ihren Genderaspekt. Unter diesem Aspekt haben acht deutschsprachige Nachrichtenagenturen soeben verabredet, die Evolution der Sprache im Auge behalten zu wollen. Dabei geht es nicht um die weiter ausholende Frage: Was leistet das „kompakte“ Nachrichtendeutsch (so die Agenturen in ihrer Selbstbeschreibung), und was leistet es nicht, was unterschlägt es? Sondern man dreht alles darauf hin, wie sich auf Agenturebene „diskriminierungssensibler“ berichten lasse, was auch heiße, mit weniger generischem Maskulinum und mit mehr geschlechtsneutralen Pluralformen.

          Ob es sich beim herkömmlichen Sprachgebrauch tatsächlich um Diskriminierungen handelt oder um etwas anderes, wird gar nicht erst gefragt. Man übernimmt Voraussetzungen, ohne ihre Triftigkeit zu prüfen. Anderenfalls müsste man ja eine Debatte über Bedeutungen führen (siehe oben), und das möchte man nicht, vermutlich um die Kompaktheit des sprachlichen Selbstverständnisses nicht zu gefährden. Sprachliche Genderdebatten verhindern Sprachbedeutungsdebatten, und die Nachrichtenagenturen verhindern gerade kräftig mit.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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