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Nachrichten in sozialen Medien : Wie Twitter und Facebook die Wirklichkeit verzerren

  • -Aktualisiert am

Facebook ändert regelmäßig seinen News-Feed-Algorithmus, was bisweilen dazu führt, dass der Traffic mancher Seiten einbricht. Im Januar kündigte Facebook ein Update an, das Falschmeldungen, sogenannte „Hoaxs“, verhindern soll. Die Nutzer sind aufgerufen, Hoax-Posts zu melden. Sobald eine gewisse Anzahl von Meldungen eingegangen ist, wird der Post gelöscht. Bloß, was ist eine Falschmeldung? Ein Anhänger der Tea Party wird eine Meldung über die Erderwärmung (sofern sie in seinem News-Feed auftaucht) möglicherweise als Hoax melden. Objektiv ist das nicht. Daraus resultieren Informationsasymmetrien. Philip Napoli, Professor für Journalismus und Medienstudien an der Rutgers University in New Brunswick, sagt im Gespräch mit der F.A.Z.: „Alle Kriterien, die Facebook anwendet, sind letztlich Werkzeuge, um den Feed zu manipulieren, in den meisten Fällen mit der Intention, unsere Zufriedenheit zu erhöhen.“

Man muss gar nicht so weit gehen, dass Facebook und Twitter algorithmische Zensur betreiben, was suggeriert, dass sie absichtsvoll Inhalte filtern. Die sozialen Netzwerke geben ein verzerrtes Bild der Realität ab. Das hat Folgen für die politische Kultur und den Diskurs. Es ist ja nicht so, dass die Algorithmen wie bei Amazon Produkte präsentieren, die unseren Präferenzen entsprechen. Soziale Netzwerke sind ein konstitutives Element der politischen Willensbildung, mithin ein wichtiges Partizipationsinstrument.

Algorithmen sind eine Black Box

Im Juni des vergangenen Jahres hatte Facebook die News-Feeds von 700 000 Nutzern manipuliert, um zu sehen, wie verschiedene Arten von Nachrichten die Stimmungslage der Nutzer beeinflussen. Ein gigantisches soziales Experiment. Tufekci erkennt darin ein gramscianisches Modell sozialer Kontrolle, in dem wir zu gelenkten Wesen werden. In ihrem Paper „Engineering the Public: Big Data, Surveillance and Computational Politics“ schreibt sie: „Die Computational Politics verwandelt politische Kommunikation in eine immer stärker personalisierte, private Transaktion und verändert daher fundamental die öffentlich Sphäre, in erster Linie dadurch, dass sie sie weniger öffentlich macht.“ Algorithmen sind eine Black Box. Man versteht sie nicht. Bei Facebook modifiziert ein von dem 26 Jahre alten Greg Marra geleitetes Team die Algorithmen - mehr ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Facebooks News-Feed-Produktchef Adam Mosseri sagte dem Online-Dienst „Medium“: „Die Leute wollen Dinge sehen, die sie zum Lachen bringen oder glücklich machen, nicht unbedingt Informationen, die super gehaltvoll sind.“ Facebook glaubt zu wissen, was die Nutzer glücklich macht.

Facebook und Twitter geht es aber nicht darum, Informationen zu verbreiten, und auch nicht darum, das Publikum zu bespaßen. Die Internetkonzerne wollen, dass sich die Nutzer so lange wie möglich auf ihren Seiten aufhalten, um Werbeeinnahmen zu generieren. Dass ihnen eine Rolle als bedeutende Medienspieler zuwächst, ist für sie ein netter Mitnahmeeffekt, mehr nicht. Für die Nutzer hat das zur Folge, dass ihre Nachrichten nicht nach Relevanz, sondern ökonomischer Verwertbarkeit gefiltert werden. Der Nutzer sitzt im Silo sozialer Netzwerke und ist manipulierbar. Die Konsequenz ist, dass Facebook redaktionelle Entscheidungen mit erheblicher Tragweite für die Öffentlichkeit trifft. Journalismusprofessor Napoli fordert eine Debatte über die politische Dimension sozialer Medien. „Ich denke, die politischen Implikationen sind gewaltig, weshalb ich der Meinung bin, dass wir die gleiche Diskussion wie bei den Anfängen des Rundfunks brauchen.“

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