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Nachlaß : Hungern für Karl Valentin

  • -Aktualisiert am

In München eigentlich schon zu Lebzeiten vergessen: Karl Valentin Bild: dpa

In München traten dieser Tage zwei Wirtinnen in den Hungerstreik. Sie wollen nichts Geringeres als "Köln zwingen", den Nachlaß von Karl Valentin nach München zurückzugeben.

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          Es klingt wie ein verspäteter Faschingsscherz. In München traten dieser Tage zwei Wirtinnen - eine davon eine stadtbekannte Performance-Künstlerin - in den Hungerstreik. Das Motiv war weder ein politisches noch ein soziales, sondern ein kulturelles. Sie wollen nichts Geringeres als "Köln zwingen", den Nachlaß von Karl Valentin nach München zurückzugeben.

          Zum Volkssänger, Komiker, Literatur- und Filmemacher haben die Frauen ein direktes Verhältnis. Sie bewirtschaften das Turmstüberl im Münchner Valentin-Musäum. Die Damen, die von Statur und Umfang das Hungern vermutlich eine Weile durchhalten könnten, vielleicht sogar den Nebeneffekt einer Gewichtsabnahme in der Fastenzeit listig einkalkulierten, sprechen von einer Streikdauer von bis zu zwei Wochen. Falls "die Kölner" bis dahin nicht zu Kreuz kriechen sollten, wird es ernst. Ein "Protestmarsch" gen Norden ist avisiert. Die Valentiade der Wirtinnen wurde in der vergangenen Woche durch die Anfrage zweier der CSU-Opposition angehörender Stadträte ausgelöst, wie München es denn in Zukunft mit Karl Valentin zu halten gedenke.

          Nur bei Indianern und Eskimos weniger bekannt

          Die Frage berührt eine himmelschreiende Peinlichkeit. Um den genialen Spaßmacher, den größten, den Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert hervorbrachte, macht München seit seinem Tod einen Bogen. Ja, noch zu Lebzeiten wurde er dort vergessen. Der Mann, dem manche den Rang eines Chaplin beimessen, verbrachte seine letzte Lebenszeit als Lagerist und Depotarbeiter im Münchner Stadtmuseum. Er starb verarmt 1948. Sowohl in der NS-Zeit wie in den frühen Nachkriegsjahren paßte der "traurige Hanswurst", wie ihn der Münchner Literat Ernst Hoferichter genannt hat, nicht in die politische Landschaft.

          Von den Indianern und Eskimos abgesehen, bemerkte er einmal, sei er nirgends so wenig bekannt wie bei seinen Landsleuten. Als seine Witwe 1953 den Nachlaß Valentins der Stadt München für 7000 Mark anbot, schlug diese ihn aus. Und noch einmal, in den Achtzigern, bekundete sie ihr Desinteresse, als über die Möglichkeit diskutiert wurde, Valentins Geburtshaus in der Au zu einer Gedenkstätte zu machen, der eine Forschungsstelle hätte angegliedert werden können.

          "Die Kölner" haben ihn schließlich nicht geklaut

          Aufgekauft wurde der Nachlaß von dem Theaterhistoriker an der Universität Köln, Carl Niessen. Vermutlich hat es ihn befriedigt, den Fang seinem Kontrahenten, dem Münchner Theaterprofessor Arthur Kutscher, vor der Nase weggeschnappt zu haben. Wie viele obsessive Sammler saß Niessen dann zunächst einmal auf seiner Beute fest, auch nachdem er sie für 380 000 Mark 1959 an die Universität Köln verkauft hatte. Er wollte die Papiere selbst bearbeiten. Dazu kam es nie. Nach seinem Tod 1969 gab es ein langes Trauerspiel mit der Witwe um die Auswertung des Nachlasses. Erst 1985 wurde er durch richterlichen Beschluß öffentlich zugänglich gemacht. In einem Stiftungsvertrag mit dem Land Nordrhein-Westfalen wurde verfügt, die Privatsammlungen Niessen an Ort und Stelle zu belassen. Ob das die Münchner Wirtinnen wissen? Sie mögen noch so effektvoll hungern, marschieren, zetern - rechtlich haben sie keinerlei Chance. "Die Kölner" haben den Valentin schließlich nicht geklaut.

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