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Nachhaltigkeit : Der Anfang ist gemacht

  • -Aktualisiert am

Im Schatten der Türme: Noch ist Deutschlands Wirtschaft beileibe nicht „nachhaltig“, aber die Richtung stimmt Bild: Mitch Epstein/Prix Pictet Ltd.

Die Mehrheit der Deutschen ist bereit, weniger Rohstoffe und Energie zu verbrauchen. Aber der Weg zu einem nachhaltigen Lebensstil ist noch weit.

          Als 1713 der sächsische Oberberg-Hauptmann Hans Carl von Carlowitz in einem Buch über die Waldwirtschaft den Begriff Nachhaltigkeit prägte, konnte er sich vermutlich nicht vorstellen, welche Renaissance dieser dreihundert Jahre später erleben würde. Nicht, dass er in der Zwischenzeit in Vergessenheit geraten wäre. Aber über Generationen war es doch still um ihn geworden, eine Stille, die erst vor wenigen Jahrzehnten zu Ende gegangen ist. Seitdem ist Nachhaltigkeit in aller Munde, nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern in Adaptionen weltweit.

          Das macht es allerdings nicht leichter zu sagen, was mit dem Begriff gemeint ist. Vor einiger Zeit haben Wissenschaftler rund hundert verschiedene Anwendungen identifiziert, die zum Teil völlig widersprüchlich waren. So kann „nachhaltiges Wirtschaften“ eine Expansion der Wirtschaft ohne Rücksicht auf ökologische und sonstige Konsequenzen meinen. Es kann aber auch bedeuten, dass die Wirtschaft mit Umwelt und Ressourcen besonders schonend umgeht. Was letztlich gemeint ist, erschließt sich oft erst aus dem Zusammenhang und nach bohrenden Nachfragen.

          Ein Modewort, hinter dem sich oft nur wenig verbirgt

          Das hält weder die Politik noch die Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit davon ab, diesen Begriff inflationär zu gebrauchen. Ein Unternehmen, das seinen Kunden nicht versichern kann, dass seine Produkte nach den Regeln der Nachhaltigkeit erzeugt worden sind, hat heute schlechte Karten. Da aber niemand so genau weiß, was diese Regeln enthalten, fällt es leicht, solche Versicherungen abzugeben.

          Wäre alles so nachhaltig, wie landauf, landab behauptet wird, brauchte sich niemand mehr Gedanken, geschweige denn Sorgen über die Zukunft des Globus und der Pflanzen, Tiere und Menschen zu machen. Die Welt wäre heil. Dass dem nicht so ist, erschließt sich jedem, der mit offenen Augen durchs Leben geht. Böden, Wasser und Luft sind schadstoffgeschwängert, die Artenvielfalt schwindet, manche Ressourcen gehen zur Neige, überall sehen wir Menschen und Gesellschaften im Stress.

          Das kritische Bewusstsein nimmt zu

          Ganz offensichtlich ist auf dem langen Marsch zu nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsformen noch eine beträchtliche Wegstrecke zurückzulegen, und noch ist keineswegs gewiss, ob das Ziel erreicht wird. Aber ein Anfang ist gemacht. Der Bewusstseinswandel ist unübersehbar. Umweltverwüstungen, wie sie noch vor wenigen Jahrzehnten an der Tagesordnung waren, sind zumindest in den entwickelten Ländern heute kaum noch möglich. Die Verbraucher sind kritischer geworden und die Erzeuger dieser Kritik gegenüber aufgeschlossener.

          Der Sozialwissenschaftler und Publizist Meinhard Miegel

          In Deutschland scheint sich ein Gefühl generellen Unbehagens an der derzeitigen Lebensweise auszubreiten. So gaben in einer Befragung, die das Institut für Demoskopie Allensbach für diese Spezialausgabe des Feuilletons durchgeführt hat, rund 75 Prozent der Befragten an, dass wir zu viel Energie und Rohstoffe verbrauchten und über unsere Verhältnisse lebten. Nur jeder Sechste hielt diese Einschätzung für übertrieben. Besonders kritisch äußerten sich die Befragten zwischen 30 und 59 Jahren. Sie waren zu 78Prozent der Auffassung, wir lebten auf zu großem Fuß.

          Die Menschen wollen freiwillig verzichten

          Die Menschen wollen dazu beitragen, dass sich daran etwas ändert. Rund 75 Prozent gaben an, künftig weniger Strom verbrauchen zu wollen, rund 60 Prozent wollen die Menge ihrer Heizenergie reduzieren. Ähnlich viele wollen mehr regionale Produkte und besonders energiesparende Haushaltsgeräte kaufen. Wieder sind es die Menschen zwischen 30 und 59 Jahren, die beim Verzicht voranschreiten wollen, dicht gefolgt von den Älteren.

          Weniger anfreunden kann sich die Bevölkerung mit dem Gedanken, Gebrauchsgegenstände reparieren zu lassen, statt neu zu kaufen, und weniger Fleisch zu essen oder auf Flugreisen zu verzichten. Hier liegt die Zustimmung nur noch bei rund 20 bis 40 Prozent. Allerdings sind nur etwa 14 Prozent bereit, den Folgen zu hohen Konsums ausschließlich durch Einschränkungen im Alltag zu begegnen. 22 Prozent setzen lieber auf den technischen Fortschritt und wollen verstärkt in Forschung investieren. Eine Mehrheit von 58 Prozent will beides: sich einschränken und technischen Fortschritt. Das dürfte wohl auch die Strategie sein, die in den kommenden Jahren verfolgt werden wird.

          Ohne Einschränkungen ist Nachhaltigkeit nicht zu haben

          Kann damit Entwarnung gegeben werden? Wohl kaum. Zum einen verfügt rund die Hälfte der Weltbevölkerung nicht einmal über das Lebensnotwendigste, weshalb sie in ihrem Überlebenskampf schwerlich auf Nachhaltigkeit achten kann. Zum anderen wirtschaften alle, die es wie wir geschafft haben, die satt, gekleidet und behaust sind und Zugang zu den Kulturgütern der Menschheit haben, weit außerhalb der Belastungsgrenzen der Erde. Diese Grenzen haben wir im Zuge der Industrialisierung überschritten, und bisher waren die Bemühungen wenig erfolgreich, durch technischen Fortschritt und haushälterische Lebensführung zu ihnen zurückzukehren. Im Gegenteil: Die Völker der früh industrialisierten Länder entfernen sich von diesen Grenzen immer weiter.

          Es wird noch sehr großer Forschungsanstrengungen und spürbarer Einschränkungen bedürfen, ehe eine Form des Wirtschaftens erreicht ist, die das Prädikat „nachhaltig“ verdient. Bisher ist sie mehr Ankündigung als Wirklichkeit. Aber ein Anfang ist gemacht.

          Meinhard Miegel

          Der 1939 in Wien geborene Jurist und Sozialwissenschaftler wurde vor allem durch seine Arbeiten zum demographischen Wandel und als intellektueller Weggefährte von Kurt Biedenkopf bekannt. 2002 erschien sein Bestseller „Die deformierte Gesellschaft“. Seit der Auflösung des Bonner „Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft“ ist er als Vorstandsvorsitzender des „Denkwerks Zukunft“ aktiv. Miegel ist Mitglied der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages.

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