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Nach Putins Amtseinführung : Alles Attrappen

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Putin bei seiner Amtseinführung am 7. Mai 2018 Bild: EPA

Ein russischer Witz geht aktuell so: Putin will kein Zar werden, denn der wird ja nur einmal gekrönt. Im 19. Jahr von Putins Herrschaft sind selbst Demonstrationen gegen ihn sinnlos geworden.

          Der momentan gültige russische Witz geht so: Putin will kein Zar werden, weil es nur eine Krönung gibt, die Amtseinführung des Präsidenten kann sich aber unendlich oft wiederholen. Am 7. Mai war es Putins viertes Mal. Pünktlich zur Zeremonie schlug das Parlament der Teilrepublik Tschetschenien eine Verfassungsänderung vor: Der russische Präsident soll nicht zwei, sondern dreimal hintereinander regieren dürfen. Ob so oder durch die Wiedereinführung der Monarchie, durch Ernennung zum Führer der Nation auf Lebenszeit wie in manchen Nachbarstaaten – es gibt kaum Zweifel daran, dass Putin die Macht niemals aufgeben wird. Dass es für den lupenreinen Demokraten nur zwei Rücktrittsmöglichkeiten gibt, in Handschellen oder im Leichenwagen, wird inzwischen sogar seinem Freund Gerhard Schröder, der beim Inaugurationsspektakel eine prominente Rolle spielte, klar geworden sein.

          Der deutsche Sozialdemokrat fand sich beim russischen Staatsakt in einer illustren Gesellschaft. Unter den Gästen waren der Anführer der Biker-Bande Nachtwölfe, Alexander Saldostanow, der bei diesem Anlass unter seiner Lederrüstung ein weißes Hemd trug; der US-Actionstar und russische Neubürger Steven Seagal, ein paar Mafiabosse sowie eine ganze Reihe von bunten Freaks aus Showbusiness und Militär. Schröder stand in der ersten Reihe zwischen dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche und dem Premierminister Medwedjew und durfte als Einziger neben diesen beiden dem Frischgesalbten per Handschlag gratulieren.

          Kooperativ, käuflich, ganz ohne Moral

          Anders als in den Vereinigten Staaten gibt es für die russische Amtseinführungszeremonie keinen gewohnten Ablauf, sie wird jedes Mal neu inszeniert und soll jedes Mal etwas anderes symbolisieren. Die Bürger dürfen dann raten, was es genau war. Zum Beispiel, dass der Patriarch der Zeremonie einen Hauch von Krönung verlieh, Medwedjew ergebenste Treue der Gefolgschaft verkörperte und der Bundeskanzler a.D. den Westen, wie ihn der Kremlherr gerne hat: kooperativ, käuflich, hedonistisch und ganz ohne Moral.

          Vor sechs Jahren wurde Putin in den Kreml durch ein menschenleeres Moskau gefahren. Diesmal war die Autofahrt nur etwa hundertfünfzig Meter lang, dafür wurde sie nicht in einem Mercedes, sondern in einem extra dafür gebauten Wagen aus russischer Produktion absolviert. Wobei, russisch? Das Äußere wurde frei nach Rolls-Royce gestaltet, die Technik von Porsche und Bosch geliefert. Die bösen Zungen behaupten, dass die Fahrt nur deshalb so kurz war, weil der Wagen, dessen Entwicklung umgerechnet etwa 250 Millionen Euro gekostet haben soll, noch nicht straßenreif sei. Dafür soll er der weltweit längste Dienstwagen eines Staatschefs sein.

          Die Fahrt durch leere Straßen im Jahr 2012 hatte nicht zuletzt mit Massenprotesten gegen gefälschte Parlaments- und Präsidentschaftswahlen zu tun. Putin, der hinter allen Protesten den langen Arm des state department vermutet, sei extrem wütend geworden. Mehrere hundert Protestteilnehmer wurden bestraft, die Jagd auf Demonstranten dauerte Jahre, viele wurden mit Hilfe spezieller Gesichtserkennungssoftware anhand ihrer Fotos im populärsten russischen sozialen Netzwerk VK.com identifiziert, einige falsch, was sie keineswegs vor einer Verurteilung rettete. Das soll übrigens auch Putins Hass auf Hillary Clinton, die damals Außenministerin war, erklären.

          Proteste gegen die Amtseinführung gab es auch in diesem Jahr; das Motto war: „Er ist nicht unser Zar!“ Allein das gab schon reichlich Anlass zum Spott: „Wenn nicht der, wer denn sonst?“ Das Motto sowie der Aufruf, auf die Straße zu gehen, kamen vom Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, der bei der Präsidentschaftswahl gegen Putin antreten wollte, aber nicht zugelassen worden war. Andere Oppositionskräfte haben die Protestaktion nicht unterstützt. Man kann sie gut verstehen.

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