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Nach Gaddafi : Unser liebster Tyrann

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Beschirmt auch im Westen: Gaddafi im Winter 2007 vor dem Pariser Hotel Ritz, in dem ihn französische Intellektuelle zur Diskussion erwarteten Bild: AFP

Ein bizarrer Operetten-Oberst und Diktator, der wie kein anderer unsere Welt zur Fiktion gemacht hat: Wenn Gaddafi stürzt, werden wir aufwachen - und einen Kater haben.

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          Es müssen die Drogen sein, von denen Gaddafi sprach. Starke halluzinogene Drogen. Sie haben sie in den Kaffee getan. Irgendwer. Irgendwann. Und zwar uns. Ihr Ergebnis war zunächst einmal Gaddafi selbst, diese schillernde Erscheinung, der Kurzschluss zwischen Trip und "Tagesschau". Menschen mit nüchternem Verstand müssten bestreiten, dass es das, was man da sieht, außerhalb der Fiktion überhaupt gibt.

          Dabei habe ich Gaddafi sogar einmal die Hand geschüttelt; beschwören, dass sie aus Fleisch und Blut war, könnte ich aber nicht. Bemerkenswert weich und sanft war diese Hand, so weich und so sanft wie seine Stimme, und sein Deutsch hatte einen Hang ins Wienerische, so meine ich mich zu erinnern, was sie natürlich gleich noch ein bisschen charmanter machte: Denn wir reden von Saif al-Islam, dem Sohn, dem Gaddafi mit dem menschlichen Antlitz, der um die Welt geschickt wurde, um die Reformen zu verkörpern, die man seinem Vater nicht zutraute. Wir reden über den Mann, der seinem revoltierenden Volk soeben den Bürgerkrieg erklärt hat und die Bombardierung der Demonstranten leugnet. Aber es ist natürlich auch nicht er, der die Bomben wirft, mit seinen schönen, weichen Händen.

          "Ich liebe arabische Diktatorensöhne", hatte mein Kollege Alexander von Schönburg noch gesagt, während wir vor Saif al-Islams Hotelsuite warteten, und er schrieb das ungefähr genauso dann auch in die Zeitung: Ihrem Verhalten hafte noch etwas Archaisch-Feudales an. Der adelige Gesellschaftsexperte genoss sogar das Warteritual, die vielen verschiedenen Mohammeds, die alle Viertelstunde ankamen und sagten, es dauere nun ganz gewiss nicht mehr lange. Hätte man die Sache vielleicht weniger literarisch handhaben sollen? Hätte man ihm an die Gurgel gehen müssen, sobald die Tür sich öffnete? Aber, von den Muskeln der wachsamen Mohammeds mal abgesehen: Wie soll man gegen etwas protestieren, das man für komplett unwahrscheinlich hält? Für ein Produkt der Phantasie.

          Rommel, Roth, Pop-Islam

          Es wäre im Übrigen, glaube ich, zu jenem Zeitpunkt auch gegen die Staatsräson gewesen: Libyen hatte gerade aufgehört Schurkenstaat zu sein, jetzt war es Freund. Es war das Jahr 2002. Sie hatten Saif al-Islam immerhin das Staatsratsgebäude am Schlossplatz gegeben. Er zeigte dort eine Ausstellung mit Gemälden. Überwiegend seinen eigenen. Der junge Mann, er war noch nicht einmal dreißig damals, malte in seiner Freizeit nämlich gern. Weiße Pferde auf merkwürdig sattgrünem Wüstengras, solche Sachen. Es war einer der dünnsten Ausstellungskataloge, die ich je gesehen habe, und definitiv der mit den meisten Sponsoren-Logos auf dem Umschlag: Petro Canada, MAN, die BASF-Tochter Wintershall und so weiter.

          Das Logo von Thyssen fehle sogar auf dem Katalog, sagte der Gaddafi-Sohn mit müdem Blick. Er war damals schon für die Wirtschaftskontakte des durch das Embargo geschwächten Landes zuständig. Seine sogenannte Gaddafi International Charity Foundation war aber nicht nur für die Organisation von Ausstellungen gut; sie hatte auch Kontakte bis hinein in die islamistische Terrorgruppe, die zwei Jahre zuvor eine Gruppe deutscher Geiseln auf der indonesischen Insel Jolo festgehalten hatte, darunter die Göttinger Familie Wallert. Libyen hatte damals das Lösegeld bezahlt und die Deutschen freigekauft. Die Wallerts waren natürlich bei der Ausstellungseröffnung dabei und wollten in jenem Sommer auf Gaddafis Einladung noch Tauchurlaub in Libyen machen.

          Erinnert sich noch jemand an die Wallerts? Die bestimmten eine Zeitlang jede Nachrichtensendung und verschwanden dann wieder.

          Gaddafi aber war immer da. Wir reden jetzt vom alten. Von Muammar al Gaddafi. Er war schon an der Macht, als ich geboren wurde. Ein prähistorisches Herrschaftsmonument, eigentlich eher ein Gegenstand für Archäologen oder Literaturhistoriker. Eine epische Figur. Die Pop-Variante eines Diktators. Ein Operetten-Oberst. Bizarr in seinen Launen, monströs in seiner Grausamkeit. Eine surrealistische Erfindung der Literatur. Und wenn diese Figur überhaupt so etwas wie einer inneren Logik folgt, dann der, dass ihr Urheber natürlich Gaddafi heißt. Gaddafi, der Autopoet. Seine Schriften erschienen in Deutschland übrigens bei Belleville in München. Der kleine Verlag von Michael Farin hatte 1982 angefangen mit "200 D" von Bobby Roth, einem der ersten deutschen Pop-Romane.

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