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Nach der Wiederwahl : Putins Träne

Bei der Siegesfeier nach der Präsidentenwahl lief Wladimir Putin eine Träne über das Gesicht. Fälscht er neben Wahlen jetzt auch Tränen?

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          Hier geht sehr buchstäblich eine Träne auf Reisen: Die ganze Welt spekuliert über den Wahrheitsgehalt von Putins Träne, die ihm bei der Siegesfeier am Sonntag über die Wange lief. Ist Putin nicht nur ein Wahl-, sondern auch ein Tränenfälscher? Putin selbst sah sich zu einem Machtwort veranlasst: Die Träne sei „echt“ gewesen, erklärte er in einem Zeitungsinterview, „aber echt wegen des Winds“.

          Der Verdacht, Putins Träne könnte lügen, indem er sie sich zum Beispiel nur abgedrückt habe und nicht, wie es der Augenschein vorgab, von ihrem Fluss überwältigt wurde - dieser Verdacht schien mit der Echtheitserklärung erst einmal aus der Welt geschafft. Zumal Putin mit der Zertifizierung seiner Träne erkennbar keine politischen oder persönlichen Ansprüche verbindet; sie soll offenbar nichts beweisen, weder überschießende Herzenswärme noch verborgene Verletzlichkeit, sie soll einfach nur für sich selbst stehen dürfen.

          Putins meteorologische Opfertheorie

          Sonst hätte er nicht die Naturgewalt des Windes für den Tränenfluss verantwortlich gemacht, sondern eine von Freude oder Trauer erfüllte Seele. Dass er dies unterließ und jedwede Ergriffenheit ausdrücklich in Abrede stellte, bürdet der naturalistischen Tränenversion freilich eine schwere Beweislast auf. Schaut man sich auf Youtube Putins Träne wieder und wieder an, so sticht zweierlei ins Auge: Zum einen pfiff im Moment der Befeuchtung tatsächlich ein Wind, der kein Windchen war. Zum anderen aber bleibt Dmitrij Medwedjew, der neben Putin auf der Tribüne steht und also derselben Naturgewalt ausgesetzt ist, erstaunlicherweise tränenfrei.

          Auch in der Volksmenge, über die der Wind fegt, lässt sich keine feuchte Wange ausmachen. Die meteorologische Opfertheorie, zu der Putin greift, steht also auf schwachen Füßen, es sei denn, man unterstellt, dass Putin unter einer besonderen Reizbarkeit seiner Bindehaut leidet, was er, wenn es zuträfe, bei dieser Gelegenheit wohl öffentlich bekanntgegeben hätte. So bleibt der Verdacht, dass Putins Träne gelogen hat - zwar nicht, was ihre Echtheit, wohl aber, was die Antriebe für ihr Zustandekommen angeht. Und es verschärft sich die politische Frage: Was verbirgt der künftige Präsident Russlands vor seinem eigenen Volk?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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