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Nach der Übersiedlung : Herta Müller und der lange Arm der Securitate

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Das Schulabgangszeugnis Herta Müllers Bild: AP

Ceaucescus Geheimdienst verfolgte die Schriftstellerin Herta Müller noch lange nach ihrer Ausreise nach Deutschland. Gleichzeitig wurde sie in Rumänien von der heimischen Landsmannschaft als Spitzel der Securitate verleumdet. Ein Leben am langen Arm der Diktatur.

          Von seiner literarischen Bedeutung abgesehen, ist der Nobelpreis für die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller auch politisch brisant. So falsch manche Signale auch gewesen sein mögen, die gelegentlich von Stockholm ausgingen – diesmal hat das Nobelpreiskomitee ein richtiges gesetzt. Denn niemandem ist es bisher gelungen, eindringlicher und beklemmender den Zugriff eines verbrecherischen Staates und seines Geheimdienstes auf das Leben seiner Bürger im sogenannten posttotalitären Osteuropa zu beschreiben als Herta Müller. Ihr schriftstellerisches Ego baut auf dieser existentiellen Erfahrung auf, die sich durch ihr ganzes Leben zieht, nicht nur durch ihr früheres, jenes der Rumäniendeutschen aus dem Banat, die sich gegen diesen Staat und seinen Unterdrückungsapparat ihre Freiheit schreibend erkämpfte, sondern auch ihr vom Geheimdienst überschattetes Leben in der deutschen Emigration. So unwahrscheinlich dies auch klingen mag: Herta Müller war nicht nur vor ihrer Ausreise aus Rumänien ein Opfer der Securitate. Sie ist es bis heute geblieben.

          „Jede Reise nach Rumänien ist für mich auch eine Reise in eine andere Zeit, in der ich von meinem eigenen Leben nie wusste, was ist Zufall und was ist inszeniert.“ So begann Herta Müller ihren wichtigen politischen Essay „Die Securitate ist noch im Dienst“, der im Juli dieses Jahres in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien. Überraschend daran war nicht so sehr die Beschreibung der infamen Methoden, die gegen die Schriftstellerin angewandt wurden, auch nicht der Nachweis, dass das Securitate-Dossier der Schriftstellerin nachträglich manipuliert wurde, oder der Hinweis darauf, dass der Großteil des Securitate-Personals heute im postkommunistischen Geheimdienst SRI tätig ist und ehemalige Geheimdienstler die Schlüsselpositionen der rumänischen Volkswirtschaft besetzt haben. In einem Land, in dem die alten Seilschaften der Securitate die Medien gängeln und höchste Securitate-Offiziere ihre Söhne und Töchter in die erste Reihe der rumänischen Politik geschleust haben, wundert das niemanden.

          „Wer mich verleumdete, bewies seine Heimatliebe“

          Verstörend und erschreckend war hingegen die Enthüllung, wie weit der Arm der Securitate über Rumänien hinaus auch nach der Ausreise der Schriftstellerin im Jahre 1987 reichte, wie sie auch noch in Deutschland systematisch verfolgt wurde. Der Höhepunkt der Infamie war die geschickt plazierte Verleumdung, Herta Müller selbst sei eine Agentin des kommunistischen Geheimdiensts, eine Desinformation, die ihrer Darstellung zufolge gerade von der Banater Landsmannschaft bereitwillig aufgenommen worden sei:

          „Seit dem Erscheinen der 'Niederungen' führte die Landsmannschaft in ihrem Blatt Banater Post eine Rufmordkampagne gegen mich. Fäkaliensprache, Urinprosa, Nestbeschmutzerin, Parteihure waren die gängigen Urteile ihrer hauseigenen ,Literaturkritik‘. Ich sei ein Spitzel, behauptete man, habe die 'Niederungen' gar im Auftrag der Securitate geschrieben. Während ich auf der Betontreppe der Fabrik saß, war die Landsmannschaft offenbar im trauten Beisammensein mit dem Botschaftspersonal der Ceauescu-Diktatur. Ich hingegen hätte mich nie getraut, einen Fuß in diese Botschaft zu setzen, weil ich nicht wusste, ob ich von dort wieder herauskommen würde. Angesichts dieser Beziehungen zu Ceauescus Diplomaten wundert es nicht, dass die Landsmannschaft in all den Jahren über die Diktatur keine einzige kritische Silbe geäußert hat. Im Bunde mit dem Regime hat sie den Ausverkauf der Rumäniendeutschen betrieben, das Kopfgeld von bis zu 12 000 D-Mark, das die Bundesrepublik für jede auswandernde Person bezahlte, hat die Landsmannschaft nicht gestört. Genauso wenig, dass dieser Menschenhandel eine beträchtliche Devisenquelle für die Diktatur war. In der gleichen Einvernehmlichkeit mit dem Regime teilte man sich den Hass auf mich genauso wie die Verleumdungsarbeit. Ich wurde zum Hauptfeind hochstilisiert, wurde als permanentes Angriffsziel zum Bestandteil der Landsmannschafts-Identität. Wer mich verleumdete, bewies seine Heimatliebe.“

          Literarische Arbeit und politische Verantwortung

          Lag es am Erscheinungstermin ihres Essays mitten in einem heißen Sommer, dass aus den Kreisen der Banater Landsmannschaft keine Reaktion auf diese schweren Vorwürfe der prominenten rumäniendeutschen Schriftstellerin erfolgte? Ist die Nobelpreisverleihung nun wenigstens stark genug als Anstoß, damit auch dort einmal Aufklärung stattfindet, wo sie am allernötigsten wäre?

          Wie sehr sich Herta Müller neben ihrer literarischen Arbeit ihrer politischen Verantwortung bewusst ist, zeigt eine Episode aus dem Sommer vorigen Jahres. Damals engagierte sie sich gemeinsam mit anderen rumäniendeutschen Schriftstellern in der Kontroverse um zwei ehemalige Securitate-Spitzel, die bei einer „Sommerakademie“ des Rumänischen Kulturinstituts (ICR) in Berlin vortragen durften. Der Skandal um diese dümmliche Einladung, die von einigen namhaften deutschen Professoren auch noch öffentlich verteidigt wurde, hatte ein rumänisches Nachspiel, in das Herta Müller wider Willen verwickelt wurde. Ein rumänisches Boulevardblatt versuchte nämlich, sie in diesem Zusammenhang als „Kronzeugin“ gegen den Leiter des ICR in Bukarest, Horia Roman Patapievici, zu instrumentalisieren, der damals von Adrian Punescu, einer der übelsten Figuren der rumänischen Kulturszene unter Ceauescu, heftig attackiert wurde. Die dabei von Punescu angewandten Methoden der Diskreditierung und Denunziation, schrieb Herta Müller in einem Brief an die Zeitung „Ziua“, „entsprechen haargenau den Securitatemethoden, wie ich sie aus den Verhören von damals kenne. Der Vorwurf ist wie damals: Die Sätze beschmutzen angeblich das Ansehen der rumänischen Nation.“ Es sei eine „Monstrosität“, dass „nach dem Sturz Ceauescus der Hofdichter des Diktators über die Moral der rumänischen Kultur“ befinde. Leute wie er, schrieb Herta Müller, sollten „wenigstens schweigen“.

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