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Nach den Spielen : Zusammen gewinnen

  • -Aktualisiert am

Ein lange nicht dagewesenes nationales Zusammengehörigkeitsgefühl Bild: dapd

Nach den Olympischen Spielen in London entdeckt das Gastgeberland ein neues britisches Wir-Gefühl.

          3 Min.

          Erinnert sich noch jemand an Eddie the Eagle? Der britische Skispringer erbrachte 1988 bei den Olympischen Winterspielen eine derart klägliche Leistung, dass ihn seine Landsleute als Inbegriff heroischen Scheiterns in ihr Herz schlossen. Das passte zum Selbstbild der ehemaligen Weltmacht, die sich in den Nachkriegsjahren neu zu orientieren versuchte und sich stets an vergangener Größe maß. Als sich im Januar der Tag zum hundertsten Mal jährte, an dem Robert Scotts erschöpfte Expedition den Südpol erreichte und zu ihrem Entsetzen erfuhr, dass ihr die Norweger zuvorgekommen waren, diskutierten die Briten, ob der Polarforscher als Held oder als Versager zu betrachten sei. Als beides, so hieß es damals: als heldenhafter Versager, verkörperte er mit seinem stoischen Durchhaltevermögen doch jene „steife Oberlippe“, auf die sich die Briten so viel zugute halten.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In dem Rauschzustand, den der unerwartete Erfolg der Londoner Spiele erzeugt hat, glaubt das Land nun, den Mythos des heroischen Scheiterns gebannt zu haben. Mit der für Ausländer schwer verständlichen Szene aus der beliebten Fernseh-Sitcom, „Only Fools and Horses“, über zwei Cockney-Brüder aus Südlondon, die sich immer neue und vergebliche Tricks ausdenken, um Millionäre zu werden, nahm die Schlussfeier noch einmal selbstironisch Bezug auf den Kult des Misserfolgs. Der Auftritt der als Batman und Robin verkleideten Brüder mit ihrem klapprigen dreirädrigen Wagen, der im Olympia-Stadion explodiert ist, verbunden mit dem klassischen Satz „du solltest bloss die verdammten Türen sprengen,“ mit dem Michael Caine in der Verbrecherkomödie „Charlie staubt Millionen ab“ eine misslungene Probe-Explosion für seinen geplanten Raubüberfall kommentiert, konnte auch als Anspielung auf die vielen Pannen im Vorlauf der Spiele gesehen werden. Sie nährten Zweifel an der Fähigkeit, die olympische Schau glatt über die Bühne zu bringen. Die Briten haben sich selbst überrascht mit ihrem sportlichen und organisatorischen Triumph.

          Tränen des Glücks und des Schmerzes

          „Als unsere Stunde geschlagen ist, haben wir es richtig gemacht, Britannien“, rief Sebastian Coe, Vorsitzende des Organisationskomitees, beim Abschied in die jubelnde Menge. Darüber herrscht Einigkeit, wie denn überhaupt diese Olympischen Spiele ein lange nicht dagewesenes nationales Zusammengehörigkeitsgefühl entfesselt haben. Womöglich liegt das letzte Mal, als die Bevölkerung ähnliche Verbundenheit empfand, siebzig Jahre zurück. Damals, im Zweiten Weltkrieg, legten die Briten den legendären „Geist des Blitzes“ an den Tag - womit wir wieder bei der steifen Oberlippe sind.

          Die vielen Tränen des Glücks und des Schmerzes, die während der vergangenen siebzehn Tage nicht nur auf dem Sportfeld vergossen wurden, zeichnen ein anderes Charakterbild: das einer Nation, die sich nicht mehr scheut, ihre Emotionen zu zeigen. Die Gefühlsaufwallung beim Tod von Prinzessin Diana markierte, wie vielfach beobachtet wurde, einen Wendepunkt. Die demonstrative Rührseligkeit wurde damals jedoch auch als etwas peinlich empfunden. London 2012 hat den Briten beigebracht, diese letzten Hemmungen zu überwinden. Die Olympischen Spiele werden als prägendes Ereignis gefeiert. In dem Spiegel, den sich das Gastgeberland vorhält, sieht es ein frisches Gesicht - und dieses Gesicht gefällt ihm.

          Wiederkehr traditioneller Werte

          Jetzt fragt sich, ob das verdiente Wohlgefühl, in dem das Land schwelgt, sich im Licht der enormen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen ebenso schnell wieder auflösen wird, wie es entstand. Nachhaltigkeit gehörte zu den Schlagworten der Londoner Spiele. Sie sollten ein dauerhaftes Vermächtnis hinterlassen, baulich und wirtschaftlich ebenso wie psychisch. Ein ganze Generation sollte durch die sportlichen Hochleistungen beflügelt werden. Noch bevor das Feuer im Stadion verloschen war, hat aber ein Ideenstreit über die Strategien zur Verwirklichung dieser Ziele begonnen. Darin spiegeln sich die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Links und Rechts, an denen die Ideale so oft scheitern.

          Die Labour-Opposition konnte gegen die Regierung punkten mit dem Vorwurf, sie habe nicht nur die Subventionen für Sport im staatlichen Schulwesen gekürzt, sondern auch die Politik des Verkaufs von Schulsportfeldern fortgesetzt, die in den achtziger Jahren als Gipfel der marktwirtschaftlichen Exzesse des Thatcherismus betrachtet wurde. David Cameron konterte, die olympischen Siege hätten jene Ideologen endgültig diskreditiert, die sich den Spruch des Dodo in „Alice im Wunderland“ zu eigen machten - „Jeder hat gewonnen, und alle sollen Preise haben“.

          In diesem Sinne hat auch der Londoner Bürgermeister Boris Johnson die Olympischen Spiele als Wiederkehr traditioneller Werte gefeiert. Der „wunderbare Festzug von Anstrengung, Leistung und Wettbewerb“ widerlege das Anspruchsdenken und die Kultur der sofortigen Genugtuung, die das Land in den vergangenen Jahren beherrscht habe. Zudem hätten die Spiele jene gemeinschaftlichen Werte gefördert, die der konservativen Weltanschauung zugrunde lägen. Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter. In der politischen Nachbetrachtung zu den Londoner Spielen buhlen nun alle um die Vaterschaft.

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