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Leerer Sockel in Paris : Schutzhaft für Voltaire

  • -Aktualisiert am

In Frankreich toben mehrere gesellschaftliche Debatten - um Religion, Staat, Sicherheit und Demokratie. Bild: EPA

Seit fünf Monaten ist die berühmte Voltaire-Statue im sechsten Arrondissement verschwunden, der Sockel leer. Dabei ist der Philosoph spätestens mit dem Streit um den Entwurf eines Pressefreiheitsgesetzes wieder aktuell.

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          Von den Spielplänen wurde er vor Jahren gestrichen, kein französisches Theater kann es wagen, sein Stück „Mahomet der Prophet“ über den Fanatismus der Religionen auf die Bühne zu bringen. Diese Mutlosigkeit aus reiner Vorsicht waltet nicht nur in Frankreich, wo der Hass der Islamisten auf die Antifanatiker schon viele Tote gefordert hat. Doch noch ist Voltaire, der Philosoph der Toleranz und Aufklärung, im Stadtbild von Paris präsent.

          Weder der nach ihm benannte Boulevard noch die Metro Station Voltaire wurden bislang umbenannt – obwohl das militanten Aktivisten mehr als lieb wäre. Hotels, Plätze und Schulen tragen weiterhin seinen Namen. Aber seit fünf Monaten ist die berühmte Statue im sechsten Arrondissement verschwunden. Man muss diese Abwesenheit Voltaires als eine Form von Schutzhaft verstehen. Nach dem Lockdown und dem Tod von George Floyd demonstrierte die „Black Lives Matter“-Bewegung auch in Paris gegen Polizeigewalt und kolonialistische Hinterlassenschaft.

          Im vergangenen Juni wurde die Statue von Jean-Baptiste Colbert, der als Finanzminister im siebzehnten Jahrhundert den „Code noir“ des Sklavenhandels verfasst hatte, Zielscheibe eines Farbanschlags. Verschmiert jedoch wurde damals auch das Voltaire-Denkmal. Im August wurde es zur Reinigung abmontiert. Wo ist Voltaire geblieben? Die Stadt wartet auf die Bewilligung des Staats, um die gesäuberte Statue wieder aus dem Depot zu holen. Das kann, wenn auf beiden Seiten der politische Wille fehlt, lange dauern.

          Demonstrationen halten Voltaire aktuell

          Im „Figaro“ ließ die konservative Philosophin Bérénice Levet einen Aufschrei los. Sie zeichnet ein subtiles und keineswegs unkritisches Porträt des Philosophen, an dessen verwaistem Sockel sie täglich vorbeigehe: „Voltaire ist der große Schriftsteller, den zu lesen für die Franzosen am dringlichsten ist.“ In Zeiten innenpolitischer Religions- und Glaubenskriege ist ihnen seine Fähigkeit zur Ironie abhandengekommen.

          Spätestens mit den Debatten und Demonstrationen, die sich am Entwurf eines Gesetzes über die Pressefreiheit entzündeten, ist Voltaire wieder aktuell. Sein berühmtestes Zitat ist zwar Fake News: Dass er bereit wäre, sein Leben auch für die Meinungsfreiheit Andersdenkender zu riskieren, hat ihm eine Biographin in den Mund gelegt. Doch dieses Bekenntnis, erfunden und gleichwohl nicht falsch, wird heute von französischen Denkern wie Levet und Robert Redeker hochgehalten.

          Letzterer musste schon einmal wegen angeblich „islamfeindlicher“ Schriften wochenlang untertauchen, in Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ wurde er zur Romanfigur. Nun stimmt Redeker sein Lob Voltaires in „L’Express“ an und unterstreicht den Kampf des Klassikers gegen Barbarei und Ungerechtigkeit. Voltaire sei spöttisch, emanzipierend, befreiend, Rebell, Grandseigneur, Bilderstürmer gewesen. Mit einem Wort: widersprüchlich. Weltweit sei er ein Symbol der Freiheit und Botschafter seine Landes: „Voltaire, c’est la France.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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