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Nach dem Referendum : Was ist Essen gegen Ankara und Istanbul?

Kein nichtintegrierter Deutschtürke in der Parallelwelt von Essen, sondern ein Türke vor einem Atatürk-Graffito in der Türkei in Istanbul. Bild: dpa

Warum die Entrüstung über deutschtürkische „Ja“-Sager so ärgerlich ist und das Ergebnis des Referendums auch zeigt, dass die Menschen in der Türkei noch an die Demokratie glauben.

          Ja, die hupenden Autokorsos mit Türkei-Flaggen und Erdogan-Bildern, die am vergangenen Sonntag nach Bekanntgabe des Referendumergebnisses triumphierend durch Berlin, Köln, Hannover und andere deutsche Städte fuhren, waren nicht einfach zu ertragen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und ja, nach allem, was in der Türkei geschehen ist und angesichts der Beleidigungen, die Ankara in Richtung Deutschland ausgestoßen hat, wäre es schön gewesen, die deutschtürkische Community hätte mit einem klaren „Nein“ Erdogan eine Absage erteilt – wunderbare Vorstellung.

          Stattdessen das: Die meisten deutschtürkischen Wähler machten ihr Referendumskreuzchen bei „Ja“. Seitdem herrscht unter deutschen Politikern emotionaler Ausnahmezustand: Der Grünen-Politiker Özcan Mutlu ist „enttäuscht“, die CDU-Politikerin Serap Güler „beschämt“, und Beatrix von Storch twitterte, die „Ja“-Sager seien „herzlich eingeladen, Deutschland zu verlassen“.

          Das Wahlverhalten ist ein Beweis für die gescheiterte Integration der deutschtürkischen Community: So lautet der Tenor in allen politischen Lagern. Die Grünen wollen ein klares Bekenntnis zum Grundgesetz von „Ja“-Sagern, die AfD deren Ausweisung und die Christdemokraten, die jahrelang mit der Union Europäisch-Türkischer Demokraten, eine Art AKP-Lobby-Organisation in Deutschland, zusammengearbeitet haben und auch den Moscheeverband Ditib hofierten, fordern, der Doppelpass müsse abgeschafft werden.

          Wie halten wir es mit dem Doppelpass?

          Das Abstimmungsergebnis als Messlatte für Integration zu werten ist dabei nur auf den ersten Blick plausibel. Sich auf die Frage nach dem Doppelpass einzuschießen ist abenteuerlich. Was hat der Doppelpass mit dem deutschtürkischen Wahlverhalten zu tun? Viele, die wählten, haben nur die türkische Staatsangehörigkeit. Manche Doppelstaatler stimmten mit „Ja“, andere mit „Nein“ – also so, wie CDU/CSU es sich gewünscht hatten.

          Auch deshalb ist die politische Entrüstung über das deutschtürkische Abstimmungsverhalten so ärgerlich: Schon vor dem Referendum war klar, dass Erdogan hier breite Unterstützung genießt. Bei vergangenen Parlamentswahlen haben ihm schließlich etwa zwei Drittel der wählenden Deutschtürken ihre Stimme gegeben.

          Unterstützer des „Nein“-Lagers demonstrieren in Istanbul.

          Es war absehbar, dass es beim Referendum kaum anders sein wird, und so ist die politische Entrüstung nur eine rhetorische. Sie signalisiert eine Ablehnung, mit der man in Wahlkampfzeiten punkten will. Von „den Deutschtürken“, von „63 Prozent der Deutschtürken“ ist nun ständig die Rede, obwohl es „die“ Deutschtürken an sich nicht gibt.

          Nur eine deutschtürkische Minderheit der Wahlberechtigten nahm überhaupt an dem Referendum teil – vielleicht ein Zeichen für Indifferenz, vielleicht aber auch ein Zeichen für gelungene Integration?

          In Deutschland leben zwischen 2,4 und 2,9 Millionen Deutschtürken. Von diesen können 1,4 Millionen in der Türkei wählen und waren somit berechtigt, an dem Referendum teilzunehmen. 47 Prozent, das sind 653000 Deutschtürken, haben von diesem Recht Gebrauch gemacht. 37 Prozent von ihnen stimmten mit „Nein“, 63 Prozent mit „Ja“.

          In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 241353 sagten „Nein“ zu Erdogan und dem Präsidialsystem, 412149 sagten „Ja“. Das ist, bezogen auf die Gesamtzahl der Menschen, die als Deutschtürken bezeichnet werden, nicht besonders viel. Trotzdem ist es wichtig zu wissen, warum sie für ein autoritäres System gestimmt haben.

          Warum stimmt man gegen Demokratie?

          Die Frage, warum jemand, der selbst in einer Demokratie lebt, den Freunden oder Familienangehörigen in der Ferne etwas anderes wünscht, muss beantwortet werden. Doch dafür braucht es eine genaue Analyse. Bisher ist ja noch nicht einmal klar, ob jeder Wähler hier wusste, worum es bei dem Referendum wirklich geht.

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