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Nach dem Fernsehinterview : Aktion Hasenfuß

Derzeit eine brisante Beziehung: Christian Wulff und der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung Kai Diekmann Bild: dpa

Wulffs Interview ist kein Befreiungsschlag, sondern nur der Rückzug auf die letzte Verteidigungslinie. Die „Bild“-Zeitung dreht die Eskalationsspirale weiter. ARD und ZDF verspielen die Chance zur Aufklärung.

          Das Fernsehinterview bei ARD und ZDF hat der Bundespräsident überstanden, doch muss Christian Wulff sogleich durchs nächste Nadelöhr. Die „Bild“-Zeitung wollte die Nachricht veröffentlichen, die Wulff auf der Mailbox des Chefredakteurs Kai Diekmann hinterlassen hatte. Dem möge der Präsident doch bitte zustimmen, im Sinne der von ihm behaupteten Transparenz. Da hatten die Anwälte, welche die Journalistenpost seit Tagen beantworten, wieder einiges zu knobeln: Was ist, wenn alle nachlesen können, wie Wulff den „Bild“-Chef am Telefon anging? Lässt sich dann noch die im Fernsehen unwidersprochen hingenommene Behauptung halten, Wulff habe die Berichterstattung über seinen Hauskredit nicht verhindern wollen, sondern nur um einen Tag Aufschub gebeten? Das war wohl zu heikel – das Bundespräsidialamt lehnt die Veröffentlichung der Wulffschen Handy-Nachricht ab. „Die in einer außergewöhnlich emotionalen Situation gesprochenen Worte waren ausschließlich für Sie und für sonst niemanden bestimmt“, schrieb Wulff dem „Bild“-Chef Diekmann. Der sagte, man bedauere die Absage, werde sich aber daran halten. Nun ist der Bundespräsident in der Tat endgültig auf das Format einer Mailbox geschrumpft. Es könnte seine letzte Formatierung sein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In der Sache spricht schon der Zeitablauf gegen Wulffs Darstellung. Die Anfrage der „Bild“ ging bei seinem Pressesprecher am Sonntagmorgen, 11. Dezember, um 6.49 Uhr ein. Um 12.11 Uhr teilte die Redaktion mit, man sei zu einer Verschiebung um einen Tag bereit. Montagnachmittag um 16.06 Uhr gingen die Antworten des Präsidentensprechers ein, kurz vor Redaktionsschluss wurden sie zurückgezogen, um 18.19 Uhr sprach Wulff auf der Mailbox vom „Rubikon“, der überschritten sei, und dem zwischen dem Boulevardblatt und ihm zu führenden „Krieg“.

          Kopflose Sender

          Im Fernsehgespräch mit den Chefredakteuren Bettina Schausten vom ZDF und Ulrich Deppendorf von der ARD klang das anders. Dort präsentierte sich Wulff als Opfer, das allein um einen Tag Aufschub gebeten habe. Dabei hatte er den schon gehabt. Das dürfte die letzte Verteidigungslinie sein. Im Fernsehen hielt sie, weil die Chefredakteure sich damit zufrieden- und anschließend kleinlaut gaben. Wulff werde „wohl“ weitermachen können, sagte Ulrich Deppendorf in der „Tagesschau“, Bettina Schausten meinte zwar, es sei noch „nicht alles vom Tisch“, doch mehr war nicht.

          Vielleicht wollten sich ARD und ZDF auch ihren vermeintlichen Scoop nicht kleinreden: Sie hatten das Interview, das alle wollten, das aber niemand von den Zeitungsleuten bekam. Mehr als elf Millionen Zuschauer, fast vierundzwanzig Prozent Marktanteil, das ist für Programmdirektoren ein Argument. Mit der „Staatsferne“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist es in einem solchen Moment allerdings nicht mehr weit her. Die Sender wirken vielmehr staatstragend, wenn nicht präsidialamtshörig, da sie sich eines klaren Urteils und auch der Chance enthielten, die Bundespräsidentenshow noch am Abend selbst zu hinterfragen.

          Die Talkmasterin Anne Will hätte am Mittwoch, Reinhold Beckmann hätte am Donnerstag parat gestanden, doch die Chefs entschieden sich dagegen. Volker Herres, der Direktor des Ersten Programms, begründet das dieser Zeitung gegenüber so: „Wir hatten vorsorglich eine Sendung erwogen.“ Man habe sich am Donnerstag „aber dagegen entschieden, das Abendprogramm umzuwerfen. Wenn wir eine Talkshow im Regelprogramm hätten, wäre das etwas anderes. Es wäre auch etwas anderes, wenn nach dem Interview des Bundespräsidenten neue ihn gravierend belastende Informationen vorlägen. Man muss die Signalwirkung einer großflächigen Programmänderung bedenken. Das hätte auch so verstanden werden können, als betreibe die ARD jetzt eine Kampagne. Es ist der falsche Tag, um ein solch drastisches Signal zu setzen. Und warten wir doch die Sendung von Günther Jauch am Sonntag erst einmal ab.“ Immerhin: Das Erste zog am Donnerstag die „Tagesthemen“ von 23.45 Uhr auf den üblichen Sendeplatz um 22.15 Uhr vor.

          Wem will man glauben?

          Doch warum warten? Ein profundes öffentlich-rechtliches Programm, das sich, wie immer wieder gern behauptet, fundamental von Privatsendern unterscheidet, sähe dieser Tage anders aus. Ganz anders. Da liefen keine Quizshow und kein Schwedenkrimi, sondern eine Debatte zu jenen Fragen, mit denen die Bürger nach Wulffs Interview alleingelassen wurden, vor allem eben jener, ob er kritische Berichterstattung verhindern wollte oder nicht. Vor dem Interview haben ARD und ZDF großen Bohei gemacht, die vermeintliche Sensation angefüttert, danach sind sie zusammengeklappt. Dass sie eine Kampagne gegen Wulff betrieben, auf die Idee würde niemand kommen. Sie werden vielmehr bei jeder sich bietenden politischen Gelegenheit am falschen Tag auf dem falschen Hasenfuß erwischt.

          Dabei ist die Salami noch längst nicht geschnitten. Es ist schon deprimierend, dass eine Boulevardzeitung den Bundespräsidenten vor sich hertreiben kann. Noch deprimierender ist, dass, da das Wort des „Bild“-Chefs gegen dasjenige des Bundespräsidenten steht, man längst nicht mehr geneigt ist, sich auf die Seite des Letzteren zu schlagen.

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