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Nach 60 Jahren : Aufgejubelt aus Ruinen: Die Dresdner Frauenkirche

  • -Aktualisiert am

Dicht bevölkert: Dresdens Neumarkt vor der Frauenkirche Bild: dpa/dpaweb

In Dresden hat die Weihe der wiederaufgebauten Frauenkirche begonnen. Unter Posaunenklängen zogen Schüler der Internationalen Schule Dresden mit sakralen Gegenständen wie dem Nagelkreuz und der Taufkanne in das Gotteshaus ein.

          Die Sucht zum Verdrängen trotzt jeder Einsicht. Je öfter das Gewissen uns Verfehlungen vorhält, desto heftiger suchen wir das Vergessen. Daß dies für das Kollektiv ebenso wie für den einzelnen gilt, bezeugt als Extremfall der Wiederaufbau Deutschlands: Blindwütig wurden die anklagenden Trümmer getilgt und von vermeintlich schuldfreiem Neuem ersetzt.

          So wurde auch aus dem Schrecken der vereinzelt als Mahnmal geschonten Ruinen bedeutender Bauten bald der unverbindliche elegische Seufzer; die ausgeglühte Frankfurter Oper errang den makabren Ruhm der „schönsten Kriegsruine Deutschlands“, Berlins zerbombte Gedächtniskirche zierte hochglänzende Ansichtskarten.

          Die eindringlichste Mahnstätte

          Nur die Trümmer der Dresdner Frauenkirche widerstanden dem: Ausgemergelt reckten ihre Reste sich gegen den Himmel, entsetzenerregend wie die Arme der Bombenofer, die 1945 aus den Scheiterhaufen auf Dresdens Altmarkt ragten. Die Trümmer der „Steinernen Glocke“, wo jährlich in der dreizehnten Februarnacht die Dresdner, ab 1982 auch die Anhänger der Friedensbewegung zusammenkamen, waren die eindringlichste deutsche Mahnstätte geworden.

          Dicht bevölkert: Dresdens Neumarkt vor der Frauenkirche Bilderstrecke

          Die Klage der Ruine stellte in dämonischer Folgerichtigkeit das Gegenteil des Jubels dar, den Dresdens „Steinerne Glocke“ von ihrer Einweihung im Jahr 1734 bis zu ihrem Ende 1945 manifestiert hatte. Ihr Schöpfer war der Ratszimmermeister George Bähr, den 1722 der Rat beauftragte, einen „der Residenz konvenablen“ Kirchenbau als Ersatz für die baufällige Vorgängerin zu errichten. Bis zur Grundsteinlegung 1726 waren bereits mehrere Entwürfe verschlissen.

          Der Schleier des Vergessens

          Das Hin und Her sollte sich fast dreihundert Jahre später zwar kürzer, aber nicht weniger gefühlsgeladen wiederholen. Denn kaum war 1990 die Idee vom Wiederaufbau bekannt, standen den Plänen zur Rekonstruktion Entwürfe so prominenter Architekten wie des Dresdners Günter Behnisch oder Gottfried Böhms gegenüber, die einen zeitgenössischen Kuppelbau unter Einbeziehen der originalen Reste vorschlugen. Das eigentliche Für und Wider aber galt dem Mahnmal und dem Vorwurf, eine lupenreine Rekonstruktion werde den Schleier fahrlässigen Vergessens über den Ort breiten. Die Inbrunst, mit der die Republik und das Ausland die Rekonstruktion forderten, wog schwerer.

          Was sich 1726 durchgesetzt hatte, der überkuppelte Zentralbau, war inspiriert vom damals neuesten protestantischen Kirchengebäude Europas, der St.-Pauls-Kathedrale in London. Dresden freilich und bald alle Welt sprachen dagegen vom evangelischen St. Peter. Doch anders als in Rom und London feierte Dresdens Kuppel ein unerhört neues architektonisches und christologisches Ideal: Bisher waren, Vitruvs antiken Regeln folgend, Tragen und Lasten in den stützenden Tambour und die von ihm gestemmte Kuppel unterschieden worden. Bähr aber deutete den Tambour lediglich durch zwei leichte Friese an - und gestaltete so die Kuppel als ein einziges „geschmeidiges Emportauchen“. Kein donnernder, ein schwebender Gott wurde hier „graziös und monumental zugleich“ versinnbildlicht.

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