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Mysteriöser Kunstfund : Wo ist der Unbekannte von Bingerbrück?

  • -Aktualisiert am

Krüge, Schalen und Servierteller, höchstwahrscheinlich geborgen bei Altstadtgrabungen in Mainz - und verborgen in einer Ruine im benachbarten Bingerbrück Bild: Cornelia Sick

Ein anonymer Anrufer will in einer Ruine kistenweise Artefakte und Gebeine entdeckt haben. Bei der Ortsbegehung zeigt sich: Hier lagert ein mittelalterlicher Schatz. Jetzt wird die Sache unheimlich.

          7 Min.

          Herr P. ist ein freundlicher Mann, lebhaft, hellwach. Den Rentner kann man ihm kaum glauben. Wohl aber, dass er sich freiwillig um Rentner kümmert, die dem Alltag nicht mehr gewachsen sind. Im Rahmen dieser Tätigkeit machte Herr P. jetzt eine unglaubliche Entdeckung: Als er in einem ruinösen Haus Ordnung schaffen wollte, fand er mitten in vermodertem Gerümpel zweiundzwanzig faulende Bananenkartons. Bei einigen hatten die Ecken nachgegeben. Herr P. sah sonderbar geformte Gefäße, Scherben, auf denen verzerrte Gesichter stierten, geschwärzte Tonschalen. Nach einigem Nachdenken griff er zum Handy.

          Wir klettern auf einer Sicherheitsleiter nach oben. Sie lehnt an einer schartigen Fassade aus dem ortsüblichen, gräulich, braunrot und moosgrün glitzernden rheinischen Schiefer. Die halbrunden Fensterbogen der vier mächtigen Geschosse sind aus Ziegeln gemauert, ebenso der abschließende Zinnenkranz. Der hintere Teil des Baus und die oberen Stockwerke sind hohl, keine Decken, keine Treppen. Das Ganze dürfte um 1860 entstanden sein, eine Fabrik vielleicht. Oder ein Weinlager - wir sind in Bingerbrück, am Rand des mittelrheinischen Weinbaugebiets.

          Kunstvoll gefertigtes Geschirr in feuchten Pappkartons

          Oben angelangt, durchqueren wir eine Reihe parallel laufender, langgestreckter Räume mit Tonnengewölben aus Bruchstein. Sie sind nass, wirken aber solide. Im betreffenden Raum muss man sich vorsichtig bewegen. Überall ist Plunder aufgehäuft, Kisten, Müllsäcke, zerschlissene Plastiktüten. Dann die Kartons. Wenige Minuten später ist klar, dass hier kein Billiggeschirr liegt, sondern historisches Gut.

          Nach allem, woran ich mich aus dem Kunstgeschichtsstudium erinnere, bergen die Kartons Gefäße aus dem späten Mittelalter. Anders als in Kunstgewerbe- und Heimatmuseen, wo oft nur Scherben oder kunstfertig geflickte Stücke in den Vitrinen stehen, finden sich in diesem Gewirr erstaunlich viele unversehrte oder nur minimal beschädigte Exemplare - Kannen, Krüge, bauchige und flache Schalen, einige glasiert, manche verziert mit Rillen oder Wellenlinien. Erdfarben überwiegen.

          Die zweiundzwanzig vermoderten Umzugskisten in dem provisorisch gesicherten, mit Gerümpel vollgestellten Gewölberaum, vermutlich ein alter Brauereikeller oder ein ehemaliges Weinlager Bilderstrecke

          Dazwischen liegen, oft in durchsichtige vergilbte Plastiktüten verpackt, Scherben. Sie sind bunt. Spiralen und Ranken in Grün, Gelb, Blau und Rot auf ockerfarbenem und beigefarbenem Grund. Renaissance oder frühes Barock, vermute ich. Ins Auge fallen weiße, von Reliefs überzogene Fragmente. Viele sind glasiert und tragen bärtige grinsende Fratzen. Ofenkacheln? Ein besonders helles Stück zeigt feinziselierte Girlanden und Reste geziert gestikulierender Relieffiguren. Am Rand haftet ein Zettel: „Liebe, dass ich muss ...“ ist darauf handschriftlich vermerkt. Es ist ein Übersetzungsversuch der Zeilen, die über den winzigen Gestalten eingeritzt sind. Danach die Frage „Allegorisches Zwiegespräch?“ Zuletzt: „Noch nicht geteilt“.

          Sauber etikettiert

          Wer hat was wann geteilt? Alles, was hier lagert, sagt Herr P., wurde nach Auskunft des greisen Paares, das er betreut, vor elf Jahren von einem Unbekannten abgestellt. Der hatte den Gewölberaum angemietet, um „Umzugsgut zwischenzulagern“. Danach verschwand er. Aber er ließ nicht nur die Gefäße zurück, sondern auch Notizzettel, Karteikarten, Etiketten, Akten. Immer wieder werden in ihnen die Augustinerstraße in Mainz genannt und der „Erbacher Hof“, gleichfalls in Mainz.

          Ein Krug trägt einen ausführlichen Beizettel: „Mainz 1978, Hof zum Algesheimer. Erdaushub Baugrube.“ Im und am Algesheimer Hof, schon in mittelalterlichen Urkunden erwähnt, heute bekannt als das Sterbehaus Johannes Gutenbergs, im Krieg zerstört und danach vereinfacht wieder aufgebaut, wurde 1978 tatsächlich gebaut. War also der Unbekannte, der in Bingerbrück seine Schätze ablud, einer jener Raubgräber, die bereitstehen, wenn an irgendeiner Baustelle auf historischem Grund Erde ausgehoben wird?

          Schatzsuche in deutschen Baugruben

          Wir schütteln gern den Kopf über jene Beduinen-Clans, die in Ägypten seit Generationen vom heimlichen Raub der Altertümer des Landes leben, oder empören uns über Bauern und Straßenarbeiter, die rund um den Vesuv ihre Zufallsfunde aus unentdeckten pompejanischen Villen und Gutshäusern nicht melden, sondern verhökern. Doch auch in unserem Land sind täglich Unbefugte auf Kunstsuche.

          Für Archäologen und Museumsleute sind diese Nachtschattengewächse Plage und Hilfe zugleich. Denn sie bevölkern die Grauzone zwischen den offiziellen Grabungen, die per Gesetz jedem Bauvorhaben an historischen Stätten vorangehen, und den heimlichen Raubgrabungen, die eindeutig Straftaten sind.

          Im Klartext: Wann immer - vor allem in Innenstädten - gebaut wird, seien es Straßenbau oder große Baugruben, durchsuchen abends oder an Wochenenden Hobbyarchäologen mehr oder weniger heimlich den Aushub. Meist bestens beschlagen in der Lokalhistorie, oft besser informiert über die Baugeschichte der Parzellen als die örtliche Denkmalpflege, bergen sie dabei nicht selten kostbare Funde. Funde wiederum, die dem überlasteten, personell notorisch unterbesetzten Denkmalschutz zwangsläufig entgehen.

          Manchmal - dann sind sie Retter - übergeben die Hobbyarchäologen ihre Entdeckungen an die zuständigen Behörden oder Museen. Oft aber wird das Geborgene von ihnen einbehalten - und noch häufiger in den Kunsthandel geschleust. Dass Letzteres eine Straftat ist, wird niemand bestreiten. Unbestreitbar aber ist auch, dass Museen, wissend, dass unsere Denkmalämter und archäologischen Ämter seit je hoffnungslos unterbesetzt, skandalös unterfinanziert und somit außerstande sind, an jeder Baustelle zu graben oder sie zumindest zu überwachen, sich zuweilen stillschweigend der Mithilfe der Hobbyarchäologen bedienen, um wenigstens Teile wichtigen Fundmaterials zu sichern.

          Doch in Museumsbesitz überzugehen heißt für die Funde nicht automatisch, gerettet zu sein. Viele Museen ersticken förmlich an magazinierten Beständen, manche ihrer Lager gleichen, obwohl trocken und geordnet, letztlich dem vollgestopften Gewölberaum in Bingerbrück.

          Überfüllte Museumskeller

          Frankfurts Historisches Museum zum Beispiel verwahrt neben vielen anderen Objekten mittlerweile das Fundgut dreier großer Altstadtgrabungen der letzten sechs Jahrzehnte. Nur ein geringer Teil ist ausgewertet - und noch weniger ist ausgestellt. Ob sich daran nach Vollendung des derzeit wachsenden Neubaus etwas ändern wird, steht dahin; selbst wenn mehrere zusätzliche Kuratoren zur Verfügung gestellt würden, dürfte es Jahre dauern, die Riesenbestände auszuwerten. Verantwortlich für solche Zustände sind nicht die Museen, sondern eine Politik, die seit langem unverdrossen Denkmal- und Geschichtspflege als überteuerten Luxus ansieht.

          In Lübeck warten zahllose Funde auf neue Museumsräume, ebenso in Dresden. Und in Trier droht dem Archäologischen Museum Überfüllung. Die momentan größte Sisyphos-Arbeit wartet in Köln, wo vor dem historischen Rathaus jahrelange Grabungen im mittelalterlichen Judenviertel rings um die (vermutlich seit der Antike existierende) Synagoge wahre Fundmassen zutage förderten.

          Kölns Stadtobere stoppten nun wegen Geldmangels die Arbeiten, lassen die Schutzzelte über der Synagoge verrotten und planen, den größten Teil der Ausgrabung wieder zuzuschütten. „Für spätere Generationen“, heißt es. Doch die werden nur noch ein von Hobbyarchäologen durchsiebtes Areal finden. Und die bisherigen Funde dürften wahrscheinlich in Lagern vor sich hin dämmern - inventarisiert, unausgewertet.

          Was in Köln geschieht, ist ein Skandal. Aber einer, der ein Schlaglicht auf den fatalen Stand der Dinge in unserer Archäologie und Denkmalpflege wirft. Das gilt ebenso für das winzige Bingerbrück: Viele der Gefäße tragen nämlich Inventarnummern. Das heißt, sie waren Besitz eines Museums und wurden vermutlich unbemerkt gestohlen.

          Unbemerkter Diebstahl aus dem Mainzer Landesmuseum?

          Alles spricht dafür, dass es sich um das Landesmuseum Mainz handelt. Denn in Mainz wurde von 1972 bis 2013 eine umfassende Altstadtsanierung durchgeführt. Die Hauptarbeiten in den achtziger Jahren erfolgten am Erbacher und Algesheimer Hof sowie entlang der Augustinerstraße, genau an den Orten also, die in den Bingerbrücker Notizen als Fundstätten vermerkt sind.

          Somit eröffnen sich zwei Möglichkeiten, wie die in Bingerbrück aufgetauchten Stücke in den Besitz des Unbekannten gelangt sein können. Die eine: Er war an den Mainzer Ausgrabungen beteiligt oder grub heimlich. Die zweite, schwerer wiegende: Die Gefäße wurden womöglich gestohlen, als das Mainzer Landesmuseum von 2004 an saniert und dafür im Jahr zuvor geräumt wurde. Darauf deutet auch das Zeitungspapier hin, in das viele Gefäße eingeschlagen sind - es ist überwiegend im Jahr 2003 gedruckt worden.

          Dass anscheinend bis heute niemand im Landesmuseum das Fehlen von Beständen bemerkt hat, muss angesichts der Überlastung unserer Museen nicht wundern. Sollte in den kommenden Tagen erklärt werden, dies sei eine einmalige Angelegenheit, würde ich widersprechen. Aus eigener Erfahrung: Als vor einiger Zeit in Frankfurt für die geplante Neubebauung des Dom-Römer-Areals nach Relikten historischer Bebauung gesucht wurde, die als markante Spolien in Neubauten eingefügt werden sollen, entsann ich mich Zeitungsberichten über eine gotische Hauskapelle, die im November 1953 beim Durchbruch einer Verkehrsachse auf einem Ruinengrundstück entdeckt, zerlegt und dem Historischen Museum zur Verwahrung übergeben worden war. Noch 1970, beim damaligen Neubau des Museums, schwärmte der seinerzeitige Direktor Hans Stubenvoll mir, damals Schülerpraktikant, von der Idee vor, die Kapelle als Schauraum wiederaufzubauen. Heute findet sich keine Spur mehr von ihren wunderbaren Gewölberippen, Konsolen und skulpierten Schlusssteinen.

          Dasselbe gilt für Frankfurts Allerheiligentor, eine großartige Barockanlage von 1632, die 1952 für eine weitere Achse abgebaut und ans Historische Museum überstellt wurde. Von ihr existiert nicht einmal eine Inventarnummer. Umgekehrt gibt es von einer 1974 nahe dem Frankfurter Dom demontierten Rokokofassade zwar eine Inventarnummer, aber nur noch einen einzigen steinernen Portalbogen - alles Übrige ist verschollen.

          Die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet

          Vielleicht lagert es auch in Kisten eines langfingrigen Hobbyarchäologen, wie jene adlergeschmückten Fliesen, die Herr P. in Bingerbrück bestaunt. Sie liegen in einem Nebenraum, in den wir gegangen sind, weil dort mehr Licht einfällt. So können wir Aktennotizen aus einem der Kartons besser entziffern. Doch der wahre Grund, vom dämmerigen Gewölbe unter ein helleres zu wechseln, sind zwei Totenschädel und andere Knochenreste, die vor einem der hintersten Kartons auftauchen. Ist das lächerlich, weil es so grotesk an Szenen aus „Indiana Jones“ erinnert? Oder doch makaber, erschreckend? Die Polizei wird aufdecken, was es mit den Gebeinen auf sich hat. Und auch, ob die überall verstreuten schimmeligen Akten so etwas wie weiland „Hitlers Tagebücher“ oder doch Indizien für Raubhandel sind.

          Was Herr P. und ich in Händen halten, ist die Kopie eines Versteigerungsvertrags, in dem das internationale Auktionshaus Sotheby’s am 20. März 1990 bestätigt, einen „römischen Kindersarg des 2. Jahrhunderts, 120×35×40 cm“ zur Versteigerung in Kommission genommen zu haben. Das heutige Mainz ruht auf römischen Fundamenten, 2001 wurden in der Innenstadt die Reste eines Isis-Tempels gefunden. In Bingerbrück stieß man 1850 auf ein römisches Gräberfeld. Seither sollen keine antiken Spuren mehr entdeckt worden sein. Wer weiß es sicher? Herr P. hat die Sache der Staatsanwaltschaft angezeigt und das Landesmuseum verständigt. Letzteres antwortet auf meine Anfrage: „ein Verlust dieser Art (ist uns) nicht bekannt“.

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