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Navid Kermanis Koran-Exegese : Die islamische Bergpredigt steht in Sure 5,28

Navid Kermani bei einer Kundgebung der Initiative „Köln stellt sich quer“ - gegen eine Demonstration der Anti-Islam-Bewegung „Kögida“ Bild: dpa

Der muslimische Gelehrte Navid Kermani glaubt an Gott und den FC und erleuchtet Köln mit seiner Koran-Exegese: Er tritt als politischer Redner, Philologe und Islamwissenschaftler vor die Menschen.

          Eine Trikolore ist auch gehisst, Blau-Weiß-Rot und Schwarz-Rot-Gelb in trauter Zweisamkeit nebeneinander. Überhaupt zeigt sich die Stadtgesellschaft an diesem kalten Winterabend international und polyglott: „Wir sind Charlie: Für Freiheit und Vielfalt“ ist auf der Trauerkundgebung für die Pariser Anschläge, zu der das Bündnis „Köln stellt sich quer“ auf den Appellhofplatz gerufen hat, das häufigste Plakat, doch auch die Karikatur des Propheten mit „Tout est pardonné“ auf dem Titel von Charlie Hebdo, „Notinmyname“, „No Pegida / No Isis“, „Liberté, Egalité, Fraternité“ und der Regenbogen mit „Pace“ werden in die Höhe gereckt, plebejischer Witz reimt „NieWieDa / KöGiDa“, und die CDU bekundet Sprachkenntnisse: „Nous sommes tous Charlie.“

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Gedanken und Gefühle gehen ins Nachbarland, lange war Frankreich nicht mehr so nah. Die Trikolore ist auch eine optische Vorlage für den Schriftsteller Navid Kermani, dessen fast halbstündige Rede am Ort des Anschlags ansetzt, „unweit der Bastille, wo die Bürger 1789 auf die Barrikaden gingen, damit nicht mehr ein einzelner Despot, sondern Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit herrschen“. Es sei, heißt es, das erste Mal, dass Kermani auf einer politischen Kundgebung spreche, für die in der Mitte der Straße ein „Media Trailer für blitzschnelle Darstellung in Bild + Ton“ aufgestellt wurde. Der öffentliche Raum fordert eine andere Klarheit, Verständlichkeit, auch Appellstruktur als Hörsaal, Kanzel oder der Bundestag, wo Kermani am 23.Mai 2014 zum fünfundsechzigsten Jahrestag des Grundgesetzes sprach. Der Stadtplatz, auf dem der Souverän sich ohne Anmeldung einfindet, ist sozusagen das höhere Haus.

          Das Gemeinsame über das Trennende – „über alle Grenzen der Konfession, Nation und Ethnie hinweg“ – zu stellen ist der mehrfach variierte Grundakkord von Kermanis Rede, der, geboren und aufgewachsen im calvinistischen Siegen, als bekennender Kölner und bekennender Muslim, ein feines Gespür für die Stimmungen und Sentiments in der Stadt hat und sie auch zu bedienen weiß. „Egal, welcher Religion, Partei, Gewerkschaft ihr auch angehört, welche Herkunft ihr habt, welche Hautfarbe, welches Geschlecht“, spricht er die Versammlung in einer längeren Accumulatio von Antithesen an, „ob ihr arm seid oder reich, ob ihr in Marienburg wohnt oder in Mülheim, ob ihr in die Oper oder lieber ins Millowitsch geht, ob ihr an Gott glaubt oder an den FC oder, wie ich, an Gott und den FC – ich sehe euch alle gemeinsam und entschlossen im Gedenken an die Opfer von Paris vereinigt.“

          Kermani spricht „gegen die Hassprediger in den Moscheen und die Hassprediger in den Talkshows“, wie auch davon, dass der Kampf gegen Unfreiheit und Gewalt nicht nur in Kobane und Aleppo, am 11.September 2001 in New York oder am 7.Januar 2015 in Paris stattfinde, er sieht die Anschläge von Paris „nicht zuletzt“ als Folge des Irak-Kriegs, „der dem Terrornetzwerk Al Qaida in unmittelbarer Nachbarschaft Europas ein Aufmarschgebiet bescherte, auf das Usama Bin Ladin in seinen kühnsten Träumen nicht gehofft hätte“, wie „unseres Versagens in Syrien“, wo „wir tatenlos oder vielleicht sogar aus perfidem Kalkül zusahen, wie unsere eigenen, engsten Verbündeten, Saudi-Arabien und andere Golf-Staaten, die Dschihadisten finanzierten und hochrüsteten, auch den sogenannten ,Islamischen Staat‘, auf den sich die Attentäter beriefen“.

          Und Kermani wendet sich „speziell an die Muslime unter euch“, die in der dichten Menschentraube, buchstäblich integriert, vor ihm stehen, um ihnen, in einer prononcierten Analogie, eine geradezu historische Aufgabe zuzuweisen (und zuzutrauen): „Dass hier diejenigen in besonderer Verantwortung stehen, in deren Namen der Gewalt verübt wird, liegt in der Natur der Sache. Als im Namen Deutschlands Krieg und Vernichtung über die halbe Welt gebracht wurden, war es auch und gerade an den deutschen Exilanten, die selbst gegen die Nazis gekämpft hatten, das bessere und andere Deutschland zu erklären.“

          Zu dem politischen Redner Kermani tritt hier der Philologe und Islamwissenschaftler Kermani: „In dem Augenblick, da sich Terroristen auf den Islam berufen, hat der Terror auch etwas mit dem Islam zu tun. Wir müssen die Auseinandersetzung mit der Lehre suchen, die heute weltweit Menschen gegeneinander aufhetzt und Andersgläubige ermordet oder erniedrigt“, formuliert er (nicht nur) seine Rolle als kritischer Intellektueller. Zu sagen, die Gewalt habe mit dem Islam nichts zu tun, reiche nicht aus. Und so appelliert Kermani an „meine Geschwister im Glauben“, ihre staatsbürgerliche Pflicht ernst zu nehmen und für Freiheit und Gerechtigkeit einzutreten, indem er sie an eine Säule ihrer Religion erinnert: „Vor allem aber liegt es an uns, dem höchsten Gebot des Islams, der Barmherzigkeit, wieder Geltung zu verschaffen. ‚Wahrlich, erhebst du auch deine Hand gegen mich, um mich totzuschlagen, so erhebe ich doch nicht meine Hand gegen dich, um dich zu erschlagen‘ – das werden heute die meisten für die Bergpredigt halten, ist aber doch unserer eigener Koran, Sure 5,28.“

          Dieses Junktim bildet den dialektischen Grundgedanken der Rede: die Muslime in ihrem Glauben und damit zugleich in ihrem Bewusstsein als Citoyens zu ermutigen. Dafür geht Kermani weit zurück in der Tradition: „,Der Mensch ist entweder ein Bruder im Glauben oder ein Bruder in der Menschlichkeit.‘ Das sagte im siebten Jahrhundert Ali Ibn Abi Talib, der als vierter Kalif und zugleich erster Imam wie kein anderer Nachfolger des Propheten Sunniten und Schiiten verbindet. Das, genau das, ist aber auch zugleich der humane Kern, der den morgen- und abendländischen Religionen gemeinsam ist und in der Französischen Revolution als Gleichheitsgebot säkularisiert wurde.“

          Kermani spricht auf einem Platz, „der einmal einer der dunkelsten Orte unsrer Stadt war, vor den Türen des EL-DE-Hauses, einst Sitz der Gestapo, die in den Kellern gefoltert und gemordet hat, und heute Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum ist. Und während im Hintergrund Martinshörner heulen und Blaulicht rotiert, weil gerade mal hundertfünfzig Pegida-Anhänger, aufgemischt von gewaltbereiten Hooligans, durch die Straßen stapfen und die halbe Innenstadt lahmlegen, gelingt es ihm, indem er die 6500 Gegendemonstranten in gespannter, konzentrierter Aufmerksamkeit hält, den finsteren Platz zum Leuchten zu bringen.

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