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Musiktheater : Dem „Theater des Westens" geht der Atem aus

  • Aktualisiert am

Das Theater des Westens, 1895/96 von Bernhard Schering erbaut Bild: ZB - Fotoreport

Seit 100 Jahren bietet das Theater des Westens in Berlin eine Bühne für Musicals. Nun geht ihm der Atem aus.

          Berlin hat mit seinen Bühnen kein Glück mehr. Nach dem Schiller-Theater, der Freien Volksbühne und dem Metropol-Theater droht nun ein weiteres „Aus“ für eine traditionsreiche Bühne in der Hauptstadt, für das Theater des Westens. Es wäre das Ende für das dritte Theater im Westteil der Stadt, wie manche West-Berliner bitter bemerken.

          Der jetzige Intendant Elmar Ottenthal war 1999 aus Aachen gerufen worden, um die schon in den letzten Jahren der Amtszeit von Helmut Baumann ins Schlingern geratene Musicalbühne am Bahnhof Zoo wieder auf Vordermann zu bringen. Er musste mit Schulden beginnen und hatte zunächst mit „Falco meets Amadeus“ einen ansehnlichen Start, brach dann aber mit dem ambitionierten Konstantin-Wecker-Musical „Schwejk it easy“ wieder ein, so dass das Theater im Juni nur in letzter Minute mit Hilfe der öffentlichen Hand vor einem Konkurs gerettet wurde.

          20 Millionen Mark reichen nicht mehr aus

          Unabhängig von aktuellen, konkreten Schuldzuweisungen zeigt das Dilemma der einstmals weit über Berlin hinaus renommierten Bühne die Grenzen der heutigen Musicalvermarktung mit öffentlichen Mitteln - für viele Beobachter der Szene sowieso ein anachronistisches Überbleibsel aus „wohlsubventionierten“ Theater-Zeiten.

          Denn einerseits reichen eben die 20 Millionen Mark nicht mehr aus, um konkurrenzfähige Musicalproduktionen auf die Bühne zu stemmen und Besuchermassen aus anderen Städten anzulocken. Andererseits aber wissen die Stadtväter in Zeiten immer klammerer Kassen nicht, warum sie staatliche Gelder für ein Unterhaltungstheater ausgeben sollen, das kommerzielle Anbieter professioneller anbieten und vermarkten können.

          Am Potsdamer Platz in Berlin macht dies die Stella seit zwei Jahren mit ihrem Publikumsrenner „Der Glöckner von Notre Dame“ vor, in der Friedrichstraße ist es der Friedrichstadtpalast mit seinen populären Shows und langbeinigen Revue-Girls. Einer solchen Zukunft sehen vermutlich auch die im Dornröschenschlaf liegenden Häuser Metropol- und Schiller-Theater entgegen. Konzerne wie Stage Holding oder Peter Schwenkows Stella haben schon zugegriffen oder scharren mit den Hufen.

          Wechselvolle Geschichte als Opern- und Operettenhaus

          Das hatte der frühere Intendant Helmut Baumann kommen sehen, als er sich 1999 nach 15 Jahren und wechselnden Erfolgen vom Theater des Westens verabschiedete. Er lehnte es ab, Dauerbrenner wie „Cats“ jahrelang hintereinander zu spielen und versuchte sich immer wieder an so genannten anspruchsvollen Musicals. Zuvor hatte das über 100-jährige Haus mit seiner prächtigen Säulenfassade und den üppig und prunkvoll ausgestatteten Innenräumen eine wechselvolle Geschichte als Opern- und Operettenhaus, in dem unter anderem Enrico Caruso, Maria Callas, Zarah Leander und Marika Rökk auftraten. Freddy Quinn spielte hier den Zirkusdirektor, Horst Buchholz und Hildegard Knef traten in „Cabaret“ auf und eine noch wenig bekannte Ute Lemper sang sich als Peter Pan in die Herzen des Publikums.

          Seinen größten Triumph feierte Helmut Baumann an der Kantstraße aber als sein eigener Hauptdarsteller in dem Broadway-Musical „La Cage aux Folles“ (Ein Käfig voller Narren). Als dann die Erfolge ausblieben, versuchte er die Löcher in der Kasse mit einer Wiederauflage des größten Musicalerfolges zu füllen, der am Theater des Westens mit Paul Hubschmid und Karin Hübner 1961 seine umjubelte deutsche Erstaufführung erlebte: „My Fair Lady“. Trotz aller Bemühungen: der traditionsreichen Bühne droht das „Aus“.

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