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Musikgeschmack und Denkstil : Macht Klassik einfühlsam?

  • -Aktualisiert am

Wer zarte Geigenklänge mag, mag einfühlsam sein. Doch das liegt auch an soziologischen Faktoren. Bild: dpa

Was wir hören, formt unser Denken, behauptet eine psychologische Studie. Die Musiksoziologin Melanie Wald-Fuhrmann erklärt, warum das nur ein Bruchteil der Lösung ist.

          Frau Wald-Fuhrmann, eine neue Studie behauptet, einen Zusammenhang zwischen dem Denkstil und musikalischen Vorlieben von Menschen gefunden zu haben. Ist das so?

          Denkbar ist es. Allerdings ist die Aussagekraft dieser Studie nicht groß. Sie ist nur ein Puzzlesteinchen auf der Suche nach Gründen für Musikgeschmäcker.

          Einfühlsame Menschen hören laut dieser Studie lieber Pop oder Soul mit sanften Melodien. Systematiker würden dagegen ganz andere, antreibende Musikstile bevorzugen. Könnte da tatsächlich ein kausaler Zusammenhang bestehen?

          Ich halte für wahrscheinlich, dass Denkstil und Musikgeschmack zusammenhängen. Es ist jedoch problematisch, bei psychologischen Studien Musikstile als Basis zu nehmen. Dass ich Klassik höre, ist ein Effekt meiner Sozialisation. Aber was genau in der Klassik ich mag, das könnte mit individuellen psychologischen Eigenschaften zusammenhängen. Dem auf den Grund zu gehen wäre interessanter.

          Angenommen, ich hörte von heute an nur noch Coldplay statt Slayer und Beethoven statt Bach. Wird meine Hörgewohnheit meine Empathie verändern?

          Platon etwa glaubte daran, dass bestimmte Tonarten bestimmte Seelenkräfte stärken. Die Musikpädagogik geht immer noch davon aus. Bewiesen ist es nicht, dass durch gewisse Musikformen soziale Kompetenzen wie Empathie trainiert werden. Anscheinend glauben wir aber gern daran.

          Und welche Faktoren beeinflussen nachweisbar die Herausbildung eines musikalischen Geschmacks?

          Faktoren wie Geschlecht, Umfeld und Alter sind dafür ganz entscheidend. Die Autoren der Studie erwähnen nicht, dass ein enormer Teil unseres Musikgeschmacks darauf zurückgeht, wie wir im Kindes- und Jugendalter sozial und kulturell geprägt werden.

          Die Musiksoziologin Melanie Wald-Fuhrmann.

          Sie haben über Melancholie in der Instrumentalmusik um 1800 habilitiert. Gibt es den typischen Hörer melancholischer Musik?

          Um 1800 war es schlicht „in“, sich melancholisch zu geben, besonders als Künstler. Die haben sich dann mit dem Komponieren melancholischer Werke quasi selbst therapiert. In der Studie, über die wir hier sprechen, kam solche Musik übrigens gerade bei den Empathikern gut an. Traurige Musik macht eben nicht unbedingt traurig. Wir suchen offenbar den Genuss an Gefühlen, die wir im Alltag zu vermeiden suchen. Das kann Kunst und insbesondere die Musik bieten.

          Glauben Sie denn, dass Ihre musikalischen Vorlieben einem individuellen Denkstil entsprechen?

          Ich höre hauptsächlich Klassik. Aber auch neue Schweizer Volksmusik, wenn sie komplex und intelligent ausgedacht ist. Das klingt gemäß der Studie nach einer Systematikerin, aber die bin ich bestimmt nicht ausschließlich. Ich lasse mich genauso gern von Schubert überwältigen. Diese Untersuchung liefert eben höchstens einen Bruchteil der Lösung.

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