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Musikprojekte : Das Gute singt

Yehudi Menuhin 1979 in der Frankfurter Paulskirche Bild: dpa

Selbst musizieren ist gut, wichtig, richtig und schön. Ebenso wichtig ist die Kunst des Zuhörens.

          Mit einem Quantum Vibrato lässt sich die Welt nicht retten. Aber sie geht auch nicht an einer verminderten Quinte zugrunde. Der Violinvirtuose Yehudi Menuhin, dessen Geburtstag sich heute zum hundertsten Mal jährt, war nicht so naiv, so etwas zu glauben – auch wenn manche es ihm geglaubt hätten. Er hatte Witz. Er wusste von den Schattenseiten des Lebens, kannte gemischte Gefühle, mischte sich aktiv ein ins gesellschaftspolitische Leben, tat Gutes.

          Und dann hat er außerdem auch noch musiziert. Dass aber seine Musik missionarische Kräfte entfalten, Bösmenschen in Gutmenschen verwandeln könne, war nicht sein Ehrgeiz. Trotzdem sagte der alte Menuhin vor einem seiner letzten politischen Konzerte, 1996, in der vom Krieg zerstörten Stadt Sarajevo: „Erinnern wir uns, es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Bösen und dem Guten, wodurch man sie stets wird unterscheiden können: Das Gute singt und hört zu. Das Böse lärmt und ist taub. Lasst uns jetzt zuhören.“ Heute hat sich die Auffassung, Musik habe das Zeug dazu, marode soziale oder politische Verhältnisse auszubessern, weltweit verbreitet. Niemand käme auf die Idee, beispielsweise José Antonio Abreu, der in Venezuela die Kinder der Ärmsten der Armen mit klassischem Musikunterricht aus den Slums herausholte, weltfremd zu schelten. Auch lässt sich Daniel Barenboims West-Eastern-Diva-Orchestra, gegründet, um den Nahostkonflikt zu moderieren, schlechterdings nicht der Naivität zeihen.

          Ganz im Gegenteil: Beide Musikprojekte haben Modellcharakter, sie sind erfolgreich, haben Schule gemacht, in Kapstadt, Havanna und anderswo. Und beide Projekte haben das Leben Einzelner teils einschneidend verändert, einer, Gustavo Dudamel, schaffte es gar bis ans Pult der Los Angeles Philharmonic, nur, dass sich die politischen Verhältnisse daheim in Venezuela nicht wesentlich geändert haben und sein Interesse daran, falls es je vorhanden war, erloschen ist. Menuhins Appell aus Sarajevo barg freilich noch eine ganz andere kulturpolitische Botschaft, die in dem Maße, in dem rund um den Globus klassische Education-Projekte mit fidelnden Kleinkindern boomen, mehr und mehr in Vergessenheit geriet. Sie gleicht der, die der Komponist Luigi Nono mit dem Begriff „tragedia dell’ascolto“ bezeichnet hat. Selbst musizieren ist gut, wichtig, richtig und schön. Ebenso wichtig ist die Kunst des Zuhörens, die selbst professionelle Musiker hierzulande nicht mehr sämtlich aus dem Effeff beherrschen. Zuhören öffnet neue Perspektiven. Richtiges Hören, genaues Zuhören, so Nono, verändert das Bewusstsein. Und mit dem Bewusstsein verändert sich die Erkenntnis der Welt.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

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