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Musikfernsehen : Das geplante Phänomen

Macho mit Moderatorin: Dieter Bohlen und Michelle Hunziker Bild: dpa

Gewaltiges Marketing, raffinierte Dramaturgie und Seifenoper-Helden: Warum die RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ kein Flop werden konnte.

          Am Anfang stand nichts als eine Behauptung. „Deutschland sucht den Superstar“, verkündete der Fernsehsender RTL, und das wirkte damals derart vermessen, dass man darob nur den Kopf schütteln konnte. Eine Talentshow, in der junge Menschen nichts anderes tun, als ein paar Lieder vorzutragen: Sollte so etwas tatsächlich einmal die Nation bewegen?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Inzwischen lässt sich die Frage klar beantworten: Es sollte. Der Show-Titel hat sich als Self-Fulfilling Prophecy erwiesen.

          Der Erfolg lässt sich an mehreren Faktoren ablesen. Ein ganz entscheidender und für RTL fraglos der wichtigste Punkt ist die Quote: 7,96 Millionen Zuschauer sahen die jüngste „Superstar“-Sendung am Samstag um 21.15 Uhr, 5,03 Millionen davon zählten zu den Werbe-Lieblingen im Alter zwischen 14 und 49. Immer noch 6,79 Millionen (14-49: 4,58 Mio) harrten gar bis 23.50 Uhr aus, um mitzuerleben, welcher Kandidat vom Publikum aus dem schrumpfenden Kreise der Nachwuchssänger verbannt wurde. Macht einen Marktanteil von 43,8 Prozent, von dem selbst die „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“-Crew und Millionärsmacher Jauch nur träumen können. Und je näher das Finale rückt, desto steiler wird die Quote noch wachsen.

          Sieht so ein Superstar aus? Kandidat Daniel Küblböck

          Erfolg ist planbar

          Hinzu kommt: „Deutschland sucht den Superstar“ ist zum Gesprächsthema geworden. Die Zahl derer, die noch nie etwas von der Sendung gehört haben, nimmt rapide ab; Presse, Zeitungen und Internet befassen sich immer eifriger mit der Show und ihren Kandidaten. Man könnte die Sendung als ein Phänomen bezeichnen, genau das aber ist sie nicht. Selten hat sich Erfolg als planbarer erwiesen als bei „Deutschland sucht den Superstar“. Und das nicht nur, weil die Sendung in Amerika und in Großbritannien unter dem Namen „Idols“ schon früher als in Deutschland für Rekordquoten gesorgt hat.

          Das Superstar-Projekt ist eine konzertierte Aktion der RTL-Mutter Bertelsmann. Ganz anders als bei dem ähnlich angelegten Format „Teenstars“ von RTL 2, wo man im vergangenen Sommer einen Pierre (16) zum Sieger kürte, nach dem heute kein Hahn mehr kräht, arbeiten bei den „Superstars“ des großen Bruders RTL etliche Bertelsmann-Kräfte Hand in Hand: TV-Produktionsfirma, Musikmanagement, der Zeitschriftenverlag, der ein Fanzine herausgibt, sowie der Sender Vox, der eine „Hinter den Kulissen“-Sendung ausstrahlen darf bzw. muss - alle wohnen unter einem Dach.

          Das Konzept der „Superstars“ - falls jemand noch nicht genau Bescheid wissen sollte - ist bestechend simpel: Eine kleine Gruppe stimmbegabter Talente wird in einem Casting aus Hunderten Möchtegern-Showstars herausgefiltert. Woche für Woche müssen sie sich vor einer Jury und den Fernsehzuschauern in unterschiedlichen Genres - Musical, Ballade, Rocksong - beweisen, und am Ende muss jeweils einer gehen. Wer übrig bleibt, nimmt eine Single auf, produziert von Dieter Bohlen.

          Via Bohlen zu „Bild“

          Die Verpflichtung von Deutschlands produktivster Boulevardgröße war von RTL ein kluger Schachzug. Ohne die „Bild“-Zeitung, so wusste man beim Sender, kann man in diesem Land - so traurig dies sein mag - keine Themen durchsetzen, und durch die Einbindung Bohlens, der „Bild“ als ständiger freier Mitarbeiter Schlagzeilen im Wochenrhythmus liefert, war auch die Zeitung als Multiplikator mit an Bord. Bohlen war es auch, der der Superstar-Show die erste Aufmerksamkeit sicherte: Die Proletenpolemik, mit der er bei der ersten Auslese besonders aussichtslose Kandidaten abkanzelte, amüsierte oder ärgerte im Nachdruck die Leser von „Bild“ bis „Stern“.

          Dieter Bohlen und seine drei Jury-Mitstreiter können aber auch sehr lieb sein - und sie müssen es auch. Das Leuchten in den Augen des Teenagers, dessen Trällern soeben vom großen Vorsitzenden gepriesen worden ist, ist unverzichtbares Element der Sendung, die sämtliche Emotionen vorführen soll: Freude, Hoffnung, Anspannung, Wut, Enttäuschung, Verzweiflung.

          Ein Hauch Exotik

          Wie schon bei den gecasteten TV-Bands „No Angels“ und „Bro'Sis“ ist auch bei der Vorauswahl der „Superstars“ akribisch darauf geachtet worden, dass für jeden Zuschauergeschmack etwas dabei ist: Es gibt männliche und weibliche Kandidaten, dunkelhaarige und blonde, schüchterne und selbstbewusste, Friseurinnen und Studenten. Manche sind von den Stylisten längst „Bravo“-Titel-kompatibel geglättet worden, andere behaupten durch zarte Abweichung vom Popstar-Klischeebild Individualität. Viele haben mindesten einen Elternteil, der nicht aus Deutschland stammt, und verbreiten einen Hauch Exotik.

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