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Musikalische S-Bahn-Erfahrung : Tunnelblickrock

Wer weiß, was nach dem Einsteigen so alles passieren kann? Vielleicht läuft auch die passende Musik. Bild: dpa

Altmodischer Gitarrendresche, Beckenschläge und Drumroll: Mit „Selbstauslöser“ putzt sich der S-Bahn-Fahrer die Ohren frei. Dann steigt ein Pärchen ein, und plötzlich wird das Abteil zur Musikvideo-Kulisse.

          In den Tunneln der Frankfurter S-Bahn ist es den Stadtmäusen inzwischen warm genug, dass sie auf der Suche nach Eiscremetropfen am Boden den Passagieren am Bahnsteig zwischen den Füßen rumwuseln. Einer dieser Füße steppt den Takt zu altmodischer Gitarrendresche, acht Schläge, und tiefer, Knöchelklopfschlagzeug, die Gitarren wiederholen ihren Achter abermals tiefer, und noch mal, Beckenschläge, Drumroll, und dann jault ein Rockabilly-Saitenjubel auf, bei dem sich der Turnschuh, der den Takt steppt, in eine blaue Wildleder-Stiefelette verwandelt. Die S-Bahn hält.

          Der Mensch mit der schönen Musik in den Kopfhörern steigt ein, setzt sich hin und schaut glasig geradeaus, weil die musikalische Entrückung ihn fest im Nacken gepackt hält und er sich freut, dass eine deutsche Band, die ungefähr 1978 ihre ersten Krachkaramellen unters Volk geschmissen hat, die kurz danach verschüttging und danach lange verschwunden blieb, im Februar 2015 ein Album veröffentlichen durfte, das zu dieser seltsamen Jahresmitte passt wie ein Mückenstich ins Strandbad. Die Augen wollen sich schon schließen, um besser träumen zu können. Aber da steigt in letzter Sekunde ein Pärchen zu, das die Aufmerksamkeit des sitzenden Rockenthusiasten mit heftigen Gesten und verzerrten Gesichtern an sich reißt. Beinahe werden die beiden von der sich schließenden Tür erfasst. Sie stürzen ins Abteil und kämpfen, Hassliebe als Pogo-Tanz.

          Sie sind höchstens Mitte zwanzig, also deutlich jünger als die Band, die ihrem Mitreisenden gerade die Ohren sauber pustet. Der denkt: Unfassbar, diese Leute da waren noch nicht mal auf der Welt, als die Band, die mich da gerade begeistert, bei der ARD 1981 ihr legendäres Video zum Song „Bundeswehr“ gedreht hat. Schlimmer: Als diese Streitliebchen geboren wurden, war die Ära des Musikvideos wahrscheinlich schon vorbei und MTV auf dem Weg zum Reality-Klamauk. Aber soll mich, überlegt der Punknostalgiker weiter, nicht direkt der Teufel holen, wenn das hier kein ideales Musikvideo ist, was diese Figuren da für mich aufführen: die perfekte Action-Illustration zum Eröffnungsstück von „Selbstauslöser“, der Comeback-Platte von Brausepöter? Denn was der Sänger in dem Song mault, das agieren die Entzweiten heftig aus: „Du bist so langweilig! Und du steckst mich damit an!“ Selige Gewitterstimmung – der Sommer kann kommen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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