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Musik : Wie der iPod unser Leben verändert hat

  • -Aktualisiert am

Die Vinyl-Scheibe: nur bei DJ's noch rege im Gebrauch Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Heute gibt es ein weißes Ding, das alles aufsaugt und Musik ins Leben bringt, wo früher keine war. Platten verrotten, die CD kämpft ihr letztes Gefecht. Protokoll eines Selbstversuchs.

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          Vor langer, langer Zeit - kunstgeschichtlich also etwa vor Erfindung der Zentralperspektive - haben Menschen Musik auf tellergroßen schwarzen Scheiben mit einem Loch in der Mitte gespeichert, auf denen eine Rille vom Rand zur Mitte lief, die von einer Nadel abgetastet werden mußte, um die Musik hörbar zu machen.

          Man nannte das Schallplatte, und das Gerät Plattenspieler, und beides zusammen war so irre empfindlich, daß man eine bestimmte Spreizfingertechnik entwickeln mußte, um die Platte unbeschädigt aus der Hülle zu bekommen und sie dann mit einem behenden Griffwechsel auf dem Dorn zu plazieren - ein Bewegungsablauf, der so etwas wie der Dodo in der Evolution des menschlichen Gestenrepertoires sein wird. Und obwohl man jede Berührung vermied, fingen die Platten nach einiger Zeit unweigerlich zu knistern und knacksen an.

          Schallplatten zu tödlichen Frisbees

          Es war natürlich trotzdem wunderbar, aber es ging den Weg der Telefone mit Wählscheiben. Und wir wollen mal darüber hinwegsehen, daß Schallplatten noch eine Nischenexistenz bei DJs führen - und in den hinteren Reihen meiner Regale, nostalgischer Bodensatz, der seit Jahren vergeblich auf die Reparatur meines Plattenspielers wartet. Da ist es noch wahrscheinlicher, daß ich sie wie der Held in dem lustigen Zombie-Film "Shaun of the Dead" als tödliche Frisbees verwende, um heranwankenden Untoten die Rübe abzusäbeln. Prince? Bloß nicht! Dire Straits? Wirf schon!

          Man muß sich das mal vorstellen: Menschen kauften sich Schallplatten, setzten sich auf einen Sessel oder legten sich aufs Bett und starrten stundenlang aufs Plattencover, küßten es, falls der Künstler darauf abgebildet war, oder rätselten über dessen Bedeutung, falls es abstrakterer Natur war. Kein Wunder, daß eine ganze Menge nach einiger Zeit felsenfest davon überzeugt war, das Cover von "Sergeant Pepper" enthalte hieb- und stichfeste Hinweise auf den Tod von John Lennon. Wenn man nur Platten von den Bay City Rollers hatte, gingen die Gedanken allerdings nicht ganz so sehr in die Tiefe.

          „Ein Tape zu machen ist für mich, wie einen Brief zu schreiben“

          Dieses Rumgehänge vor dem Plattenspieler war natürlich auf Dauer kein Zustand - etwas Neues mußte her, und es kam in Form der Musikkassette. Man mußte keine Platten mehr kaufen, konnte Musik aus dem Radio aufnehmen und sie nach eigenen Bedürfnissen zusammenstellen. So entstand die Kunstform des Mix Tapes. Nick Hornby hat in "High Fidelity" darüber geschrieben: "Ich verbrachte Stunden damit, die Kassette zusammenzustellen. Ein Tape zu machen ist für mich, wie einen Brief zu schreiben . . . ein hartes Stück Arbeit . . . es gibt da jede Menge Regeln." Man kann weiße Musik nicht mit schwarzer kombinieren, nicht zwei Nummern desselben Künstlers hintereinander bringen, muß immer ein Auge auf Rhythmus und Stimmung haben. Und jedesmal paßte das letzte Stück nicht mehr auf die Kassette. Zurückspulen, ein neues ausprobieren, mit bangem Blick aufs Bandzählwerk. Und wir wärmen uns an der romantischen Vorstellung, daß es tatsächlich jemals gelungen sei, irgend jemandes Herz mit einer dieser Zusammenstellungen zu gewinnen.

          Heißer als jede CD

          Es kam die CD, ein schamloser, aber erfolgreicher Versuch der Industrie, den Leuten für dasselbe Angebot das doppelte Geld aus der Tasche zu ziehen. Man tauschte Qualität gegen die relative Unempfindlichkeit des neuen Mediums, und wer's nicht glaubt, sollte sich nur mal anhören, wie leblos klassische Musik auf CD klingt. Wo früher in den knisternden Pausen ein Raum spürbar wurde, herrschte nun die Körperlosigkeit des digitalen Schweigens. Auch die sogenannten Booklets konnten trotz ihrer viel ausführlicheren Informationen nicht wirklich fürs tendenziell kalte Medium erwärmen. Denn Plattenhüllen waren Traumfänger, CD-Cover ähneln jedoch eher Gebrauchsanweisungen. Und so ist es nur gerecht, daß die CD langsam, aber sicher zum Verschwinden verurteilt ist und bald ein so antiquiertes Medium wie die Schallplatte sein wird.

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