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Musik : Opulenz statt Puritanismus - Neues von Pat Metheny

Meister der Improvisation: Pat Metheny Bild: dpa-Bildfunk

Der Gitarrist Pat Metheny hat mit eigenem Ensemble ein neues Album veröffentlicht: füllige, strahlende improvisierte Musik von irritierender Schönheit.

          Wenn im Jazz von Schönheit die Rede ist, geht es zumeist um einen orthodoxen Musiker, der sich an den Idealen von Klang, Tongebung, Intonation und Improvisation alter Meister und alter Zeiten orientiert.

          Die Musik der Pat Metheny Group bildet eine der wenigen Ausnahmen. Sie ist - das soeben erschienene Album „Speaking Of Now“ zeigt das ein weiteres Mal - auf irritierende Weise schön. Und kann überhaupt nur deshalb leichten Herzens als Jazz bezeichnet werden, weil unter den Fittichen dieses Wortes Platz genug ist für die vielen eigenwilligen Ableger improvisierter Musik.

          Pat Metheny, so sagte der Gitarrist einmal in einem Interview, würde sich allenfalls unter Gewaltanwendung selbst als Jazzer bezeichnen. Dennoch hat ihn die Zusammenarbeit mit Jazzgrößen wie Gary Burton oder Charlie Haden bekannt gemacht, und bis heute zählt Metheny zu den beliebtesten Gast-Gitarristen der internationalen Jazz-Prominenz.

          Pat Metheny Group: „Speaking Of Now” (Cover)

          Irritierende Schönheit

          Zentrales Merkmal der Musik seines seit über 20 Jahren schlicht als Pat Metheny Group auftretenden Ensembles ist ihre Schönheit. Trotz der eigenwilligen stilistischen Mischung der Musik ist es Schönheit im klassischen Sinne: gemeint sind die Ausgewogenheit des Klangs, die Eleganz im Aufbau von Komposition und Improvisation, die Geschlossenheit der Stücke, ihr Glanz. An diesen Eigenschaften setzt auch der eine Teil der Kritik an Methenys Arbeiten an, die gerade in Jazz-Kreisen immer wieder laut wird. Vermisst wird der ästhetische Bruch, die Brüchigkeit, die Scharfkantigkeit von Klängen, die harmonische Schräglage, die Dissonanz, der Abgrund.

          Der zweite Kritikpunkt: das Spektrum an Klangfarben, die Pat Metheny einsetzt. Während andere Gitarristen an der Einzigartigkeit ihres Klangs feilen, setzt Metheny auf die Möglichkeiten synthetischer Klangerzeugung. Seine Gitarre dient dabei - ähnlich wie die Tastatur bei dem gängigen Synthesizer - als Steuerungsinstrument, dessen Signale mit einer künstlichen Klangpalette gekoppelt werden können. Daneben nutzt Metheny gleichberechtigt die Sounds der klassischen Jazzgitarre und spielt sogar zuweilen akustische Instrumente.

          Großartige Improvisation

          An manchen Stellen ist die Musik auf „Speaking Of Now“ von erdrückender Fülle, zuweilen ist sie entwaffnend harmonisch. Das Erstaunliche: Trotz der esoterischen Milde, auf die keines der Stücke wirklich verzichtet, wirkt die Musik nicht naiv. Weder der wortlos lallende Gesang noch die Akkordteppiche oder das weltmusikalische Zirpen und Flöten können die positive Intensität der Stücke ins Klebrige kippen.

          Und einmal mehr zeigt sich Pat Metheny, der bereits als 19-Jähriger am renommierten Berklee-College Jazzimprovisation unterrichtete, als Meister der perlenden, ausschweifenden und dabei für die dramaturgischen Wandlungen eines Stückes stets wachen Improvisation. Neben ihm überzeugen in den neun Stücken des neuen Albums vor allem der junge Trompeter Cuong Vu und Lyle Mays, langjähriger Pianist der Pat Metheny Group.

          Im Mai und Juni soll die Pat Metheny Group für insgesamt neun Konzerte nach Deutschland kommen. Man darf gespannt sein - immerhin zeigt sich die ganze Kraft improvisierter Musik immer noch am besten auf der Bühne.

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