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Musik gegen Kapitalismus : Revolution in Akkorden

  • -Aktualisiert am

Heilig oder verdammungswürdig: Frederic Rzewski erinnert mit „Saints & Sinners“ an Fidel Castros Tod Bild: Frank Röth

Frederic Rzewski, der amerikanische Pianist mit polnisch-jüdischen Wurzeln, sitzt am Klavier immer auch als Aktivist. In der Bankenhauptstadt Frankfurt warnt er mit Variationen in Moll vor dem Kapitalismus.

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          Je umfassender sich der globale Kapitalismus durchsetzt, desto mehr imponiert der fröhliche Widerstand gegen ihn. Frederic Rzewski, der amerikanische Avantgarde-Pianist und Komponist mit polnisch-jüdischen Wurzeln, ist authentisches kommunistisches Urgestein und zugleich in beneidenswerter Form. Der heute achtzig Jahre alte Rzewski gab im Frankfurter Mousonturm ein triumphales Konzert, bei dem der politische Aktivist außerdem als sein eigener Moderator auftrat. Dabei beschenkte der Musiker das Publikum der Bankenhauptstadt mit der europäischen Erstaufführung seines Werks „Saints & Sinners“, das unter dem Eindruck des Todes von Fidel Castro am 25. November 2016 und der amerikanischen Komponistin Pauline Oliveros entstand, die einen Tag zuvor starb.

          Rzewski, der leger im Pullover die Bühne betrat, verglich die linke Bewegung mit der katholischen Kirche. Sowohl der Alleinherrscher Kubas als auch Oliveros, die meditative Hörerfahrungen und als Lesbe die Frauenemanzipation voranbrachte, seien von Zeitgenossen oft als Heilige oder als verdammungswürdig wahrgenommen worden, sagte Rzewski. Indes habe schon Kirchenvater Augustinus gesagt, dass der Körper der Kirche für seine Einheit Heilige wie Sünder brauche, erklärte der silberhaarige Rzewski dem amüsierten Publikum mit schalkhaft blitzenden Augen. Sein wie eine Tokkata improvisatorisches, sprunghaft kontrastreiches Stück machte die Gegensätze, die, wie er anmerkte, nur der Tod zusammenbringt, ohrenfällig.

          Bekenntnis zu Synthese

          Im Mittelpunkt stand freilich Rzewskis grandioser Variationszyklus „The People United Will Never Be Defeated!“ über die chilenische Revolutionshymne, die nicht selten auch auf Frankfurter Demonstrationen zu hören ist. Das kurz vor dem Sturz von Salvador Allende entstandene Marschlied in D-Moll erklingt wie ein säkularer Choral, der in 36 Variationen mit Akkorden und Läufen aufgeladen, verfremdet, skelettiert und zum Verschwinden gebracht wird, aber immer wieder auftaucht. Rzewski spielt sein passagenweise halsbrecherisches Werk mit noch immer phänomenaler Technik und kraftvollem Ausdruck. Auf eine pointillistische und dann eine impressionistisch verträumte Variation folgen wahnwitzige Oktavgänge, sarkastische Glissandi, chromatische Rasereien. Die stilistische Eklektik ist auch ein Bekenntnis zu Synthese und Zugänglichkeit. Auftakttriolen machen die Musik jazzig-tänzerisch, Pattern mit irregulären Metren fügen einen Schuss Minimalismus hinzu, hier wird die italienische Weise „Bandiera rossa“ zitiert, dort Hanns Eislers Solidaritätslied.

          Rzewski gönnt sich heute freilich etwas mehr Zeit. Als er nach dem Durchlaufen sämtlicher Molltonarten und einer freien Improvisation mit dem Anfangsthema gleichsam zum Weitermarschieren auffordert, sind achtzig Minuten vorbei. Doch dabei lässt der unbesiegbare Kämpfer es nicht bewenden. Gleichsam als Abschiedsgruß intoniert Rzewski noch sein agitatorisches Stück „Stupor man“, bei dem er zu expressiven Akkorden vor dem Kapitalismus warnt, der leider nicht tot sei und uns alle in Roboter verwandeln könne.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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