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Musik aus der Telefonzelle : Neil Young sagt: Danke, Mutter!

  • -Aktualisiert am

Edles Geschrammel aus der Telefonzelle: Cover von Neil Youngs neuem Album „A Letter Home“ Bild: AP

Sein neues Album heißt „A Letter Home“ - Neil Young prahlt damit, es in einer nostalgischen Telefonzelle aufgenommen zu haben. Bleibt angesichts des edlen Geschrammels die Frage: Wie hat er das Klavier dort reingekriegt?

          Kommt ein Mann in eine Telefonzelle...: Bald wird es wohl keine Witze mehr geben, die so beginnen. Aber einen guten haben wir noch. Wenn der Mann nämlich Neil Young heißt und in der Telefonzelle zu singen beginnt, nicht nur ein Lied, sondern gleich zwölf und das dann als Album herausbringt, dann ist das ein ziemlicher Witz.

          Vor allem, weil dieser Neil Young doch nun schon mehrmals Schlagzeilen gemacht hat mit seinen Invektiven gegen schlechte Soundqualität. MP3 sei des Teufels, sagt Young, und promotet stattdessen ein High-End-Abspielgerät, dessen Edel-Dateien sündhaft viel Speicherplatz brauchen, dafür aber angeblich so klingen, als wäre man im Studio live dabei gewesen.

          Was aber wird nun herauskommen, wenn man mit diesem Gerät „A Letter Home“ abspielt, Youngs eigenes neues Album mit Coverversionen amerikanischer Klassiker? Dann wird man wohl edles Geschrammel hören. Zum Beispiel eine Version von Bob Dylans „Girl From the North Country“, die eher an Tierquälerei erinnert. Oder eine von Willie Nelsons Klassiker „On the Road Again“, die so zittrig und fistelstimmig klingt, dass man den Sänger lieber nicht mehr Auto fahren sähe. Oder eine regelrechte Zerstörung von Bruce Springsteens „My Hometown“, bei der im Hintergrund auch noch Jack White Mundharmonika spielt.

          Der ist im Grunde Schuld an allem, denn in seinem Laden „Third Man Man Records“ in Nashville steht die besagte Telefonzelle. Es ist ein original „Voice-o-Graph“ aus dem Jahr 1947, und da wir das Ding schon einmal selbst betreten haben, können wir sagen: Es ist ziemlich eng darin – vielleicht auch dies ein Grund für das etwas erratische Gitarrenspiel.

          Als Telekommunikation noch nicht so leicht zu haben war, dienten solche Buden dazu, Gedichte, Lieder oder auch nur Nonsens-Nachrichten zur sofortigen Pressung auf Vinyl aufnehmen, um sie dann seinen Liebsten zu schicken. Zum Beispiel nach Hause, an Mutti. Diese Praxis reflektiert Young in einem Spoken-Word-Intro, das mit den Worten „Hi, Mom“ beginnt. Das ist natürlich schon sehr rührend: Die Mischung aus historischem Schauspiel und persönlicher Jenseitsbotschaft an die eigene, verstorbene Mutter mündet in den Appell, diese solle doch bitte wieder mit dem Vater reden („There’s no reason not to talk“).

          Mit dem Firnis der emotionalen Erschütterung überzogen, also indem man sich als lyrisches Ich stets einen verlorenen Sohn irgendwo in einer Bude am Ende der Welt vorstellt, gehen die Schrammel- und Zitterlieder stellenweise dann doch zu Herzen, besonders Gordon Lightfoots „Early Morning Rain“. Aber wenn man der Fiktion dieser Aufnahme traut, dann darf man auch fragen: Wie haben sie eigentlich das Klavier in die Zelle gekriegt, das bei „Reason to Believe“ zu hören ist?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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