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Musik : Abgrund und Kaninchenbau: Zwei Alben mit Bühnenmusik von Tom Waits

  • -Aktualisiert am

Für seine Musik ist alles Bühne: Tom Waits Bild: Anti Records

Zu Robert Wilsons Bühnenfassungen von „Alice im Wunderland“ und „Woyzeck“ schrieb Tom Waits einst die Musik. Jetzt sind zwei Alben daraus geworden.

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          Der Zauberer der schrägen Töne hat sich rar gemacht in letzter Zeit. Sechs Jahre hatte man wenig von Tom Waits gehört, bis er 1999 mit dem Album „Mule Variations“ wieder ein kleines Meisterwerk präsentierte. Und nun, nochmal drei Jahre später, gönnt er seiner Kultgemeinde gleich zwei Alben auf einmal.

          „Alice“ und „Blood Money“ sind atmosphärisch unterschiedlich, ergänzen sich aber wunderbar. Gewohnt spröde, sperrige Klänge und Waits' kehlig-röchelnde Stimme, dazu ausgefallene Instrumente prägen beide Alben. Doch „Alice“ ist das verspieltere, leichtere Werk, „Blood Money“ klingt roher. Beiden Alben liegen Stoffe aus dem 19. Jahrhundert zu Grunde, aufgegriffen in Theaterstücken des Avantgarde-Regisseurs Robert Wilson.

          Theatralische Musik: Alice und Woyzeck

          „Alice“, uraufgeführt 1992 im Hamburger Thalia-Theater, befasst sich mit der Beziehung zwischen Lewis Carroll, dem Autor des weltberühmten Kinderbuches „Alice im Wunderland“, und dem Mädchen Alice Liddell, das ihn zu der Geschichte inspirierte. Waits und seine Frau, die Drehbuchautorin Kathleen Brennan, schrieben damals die Musik zu dem Stück, nahmen sie aber jetzt erstmals auf. Und zwar zur selben Zeit wie „Blood Money“, der Musik zu Wilsons Produktion „Woyzeck“, uraufgeführt 2000 im Kopenhagener Betty-Nansen-Theater.

          Tom Waits: „Alice” (Cover)

          Die Theaterproduktion ist eine Umsetzung von Georg Büchners gleichnamigem Drama aus dem Jahr 1836 - thematisch dem Waits'schen Universum seelenverwandt. „Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht“, lässt Büchner seine Hauptfigur sagen. Über die Abgründe der menschlichen Seele singt Waits seit den 70er Jahren und widmet sich dabei besonders den gesellschaftlichen Außenseitern, Einsamen, Verzweifelten im modernen Amerika.

          „Traum und Albtraum“

          Die Marschroute - „Blood Money“ sollte ursprünglich „Red Drum“ hießen - gibt folgerichtig gleich der Opener vor: „Misery's the River of the World / Everybody Row! Everybody Row!“. Und schon der nächste Titel heißt: „Everything Goes To Hell“. „Das eine Album ist mehr ein Traum, das andere ein Albtraum“, beschreibt der 52-Jährige in einem Interview mit dem Musikmagazin „Rolling Stone“ den Unterschied zwischen „Alice“ und „Blood Money“. „'Alice' ist feminin, ätherisch und abgehoben. Wie wenn du einen Trip oder Pilze einwirfst. 'Blood Money' ist fleischlicher, erdverbundener, blutiger.“ Und er fügt hinzu: „Licht und Düsternis, in beiden Platten ist die Kehrseite der anderen enthalten.“

          Gemein haben die Alben, dass sie auch für Menschen hörbar sind, die mit Waits' experimentellen Klangkollagen aus den 80er und frühen 90er Jahren wenig anfangen konnten. Dass der Mann mit dem sorgsam gepflegten Image eines schrägen Vogels seine ganz wilden Jahre hinter sich gelassen hat, zeichnete sich bereits auf „Mule Variations“ ab, das eine Brücke schlug zwischen dem melancholisch-romantischen Blues und Bar-Jazz aus der Anfangszeit seiner Karriere und den für viele befremdlichen, wüsten und fast aggressiven Tönen, die spätere Alben auszeichneten. Höhepunkt dieser exzentrischen Phase, die 1983 mit „Swordfishtrombones“ begann, war das Album „Bone Machine“ von 1992 - mehr Geräuschkulisse als Musik, für Durchschnittsohren verstörend.

          Schon Stewart und Springsteen haben Waits verharmlost

          Auf den zwischen 1973 und 1982 erschienenen Alben wie „Closing Time“, „The Heart Of Saturday Night“ oder „Small Change“ klang Waits' Musik zwar auch schon nach viel Whiskey und Rauch, aber erheblich zahmer und eingängiger. Bezeichnend, dass Kollegen Stücke aus jener Zeit aufgriffen und einem breiten Publikum bekannt machten: „Ol' 55“ wurde von den Eagles gecovert, „Jersey Girl“ von Bruce Springsteen und „Tom Traubert's Blues (Waltzing Matilda)“ von Rod Stewart, um nur einige zu nennen.

          Unnötig zu erwähnen, dass diese Titel ohne die von Waits eingebauten Ecken und Kanten an Flair verloren. „Ich synkopiere halt gern, gebrauche meine Stimme wie ein Schlagzeug, ich kontrapunktiere“, sagt Waits im „Rolling Stone“ über die komplexe Kunst, mit der er - nur scheinbar beiläufig - die seinen Stücken eigene Atmosphäre schafft.

          Musik mit Beulen

          „Alice“ beschreibt er als „Erwachsenenlieder für Kinder, oder Kinderlieder für Erwachsene, ein Strudel oder Fiebertraum, ein vertontes Gedicht ... eine Odyssee in Traumlogik und Unsinn“. 15 Titel lang besingt Waits Sehnsucht und Wahnsinn, verpackt in sparsame Arrangements, mal als langsamer Jazz-Shuffle, mal als Ballade, mal als Vaudeville-Song. Zu hören sind unter anderem Piano, Cello, Violine, Leier, Spinett, Vibrafon, Saxofon, Horn, Klarinette und Trompete. Und so schöne Textzeilen wie „No one puts flowers on a flower's grave“. Oder: „The rain makes such a lovely sound / To those who are six feet under ground“.

          „Blood Money“ dagegen wirkt kompakter, ist viel rhythmusbetonter. Davon zeugt auch die Instrumentierung, die einerseits der von „Alice“ ähnlich ist, andererseits mit Percussion, Marimba, Bongos und Timpani ergänzt wird. Die 13 ebenfalls in Zusammenarbeit mit seiner Frau geschriebenen Titel beschreiben den kranken Zustand der Welt, den Abgrund in uns selbst - „God's Away On Business“ - lassen aber Raum für Hoffnung. „Coney Island Baby“ ist so ein Hoffnungsschimmer, eine Ballade, wie sie nur Waits singen kann. „Ich mag meine Musik mit Beulen, mit Rinde, Stumpf und Stiel“, sagt er. Und das hört man auch.

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