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Museumsinsel Berlin : So nicht, Mr. Chipperfield!

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Der Museumsinsel droht ein Desaster: Zwischen Pergamonmuseum und Neuem Museum sollen Glaskästen stehen Bild: Atelier Chipperfield

Das hat die Berliner Museumsinsel nicht verdient: David Chipperfields Entwurf für den Eingangsbau ist mißraten. Der Architekt hat einen Baukörper aus Glas und Stahl vorgeschlagen, dem jede Präsenz, jede Aura fehlt. Eine Analyse von Heinrich Wefing.

          4 Min.

          David Chipperfield gehört fraglos zu den bedeutenden Architekten der Gegenwart. Immer wieder, zumal im Museumsbau, hat er seine Fähigkeit bewiesen, Zeitgenössisches mit Historischem zu verbinden, ohne sich anzubiedern. Sein Gespür für Materialien ist intelligent, seine Räume besitzen beeindruckende Dichte. Um so schmerzlicher, daß ausgerechnet seinem Entwurf für ein Eingangsbauwerk auf der Berliner Museumsinsel all das fehlt.

          Just für die letzte freie Fläche auf der Insel, für den kostbarsten Baugrund der Hauptstadt zwischen Kupfergraben, Pergamonmuseum und Neuem Museum, unter den Augen von Schinkel, Stüler, Messel, Ihne, hat Chipperfield einen Baukörper vorgeschlagen, der jede Präsenz, jede Aura und alle Entschiedenheit vermissen läßt. Ein Kompromiß, in Glas gewickelt. So kann das einzigartige Ensemble der Museumsinsel nicht vollendet werden.

          Erster Neubau seit 75 Jahren

          Seit 1999 arbeitet Chipperfield, der auch den Umbau des Neuen Museums leitet, an der sogenannten „James Simon Galerie“, dem künftigen Hauptportal der Insel. Dort sollen zumal die Bustouristen, die nur Zeit haben für einen raschen Blick auf die Schätze der fünf Häuser, empfangen, mit Toiletten, Restaurants und anderer Infrastruktur versorgt und in die Rundgänge durch die Museen eingefädelt werden. Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, spricht von einem architektonischen „Schlüssel für die Schätze der Weltkulturen“.

          Mehr als ein schmuckes Toilettenhäuschen muß es doch sein
          Mehr als ein schmuckes Toilettenhäuschen muß es doch sein : Bild: Atelier Chipperfield

          Es wird der erste Neubau sein, der dort seit Alfred Messels vor mehr als fünfundsiebzig Jahren vollendetem Pergamonmuseum entsteht, und wohl das letzte Haus, das auf der preußischen „Freistätte der Kunst und Wissenschaften“ errichtet werden dürfte. Es ist eine ungeheure Chance und eine gewaltige Verantwortung, das abzuschließen, was 1828 mit Schinkels Königlichem Museum am Lustgarten begonnen wurde.

          Kleinmut ist auf der Insel verboten

          Wer freilich die vorliegenden Entwürfe sieht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die historische Dimension des Auftrags sei eher Last denn Inspiration für Chipperfield gewesen. Seltsam geduckt schiebt sich ein länglicher, ganz mit Stahl und satiniertem Glas verkleideter Riegel aus mehreren Kuben auf die Freifläche, auf der einst Schinkels berühmter gräzisierender „Packhof“ stand. Nichts an dem Projekt läßt ahnen, daß dies das Foyer zu Berlins Weltkulturerbestätte sein soll, der erste Bau, den alle Touristen betreten werden, wenn sie die Nofretete, den Pergamonaltar oder das Markttor von Milet besuchen.

          Chipperfield selbst spricht von der „ambivalenten Erscheinung“ des Hauses, die dessen „multifunktionalem Charakter“ entspreche. Ebendas aber, Ambivalenz, Kleinmut gar, ist auf der Insel verboten. Der letzte Baustein muß vielleicht nicht mit derselben rücksichtslosen Egomanie auf die Museumsinsel gewuchtet werden wie Messels Pergamonmuseum, das alle Bezüge zu den früheren Bauten ignorierte. Aber mehr als ein schmuckes Toilettenhäuschen muß es doch sein.

          Konzeptionelle Nebligkeit

          Gewiß trägt zu dem Eindruck des Unentschiedenen auch bei, daß es für den Bau so unausgegorene wie vielfältige Nutzungswünsche gibt. Die konzeptionelle Nebligkeit findet ihren Ausdruck in dem pompösen Namen „James Simon Galerie“. Anfangs war stets nur vom „Eingangsbauwerk“ die Rede, zwischendurch auch von einem „Besucherzentrum“. Diese Veränderung ist mehr als bloßes Wortgeklingel. Dahinter steht eine manifeste Unsicherheit, was der Bau leisten soll: Ist er lediglich eine erweiterte Wartehalle mit bookshop, durch die man hinüber ins Pergamonmuseum und hinab in die „Archäologische Promenade“ gelangt, die alle Häuser verbindet? Oder soll das Gebäude zum Ort für Wechselausstellungen auf der Insel werden - Stichwort Galerie?

          Vor vier Jahren wurden die Planungen für das Eingangsbauwerk auf Drängen des Bundesfinanzministers unterbrochen, als bei der Sanierung des Pergamonmuseums die Kosten außer Kontrolle zu geraten drohten, und Chipperfields Entwürfe gerieten in Vergessenheit. Nun jedoch hat der Bundestag vor wenigen Tagen dreiundsiebzig Millionen Euro für den Bau bewilligt. Der unerwartete Geldsegen ist fraglos eine gute Nachricht; er ermöglicht einen Baubeginn vielleicht schon 2009. Aber er zwingt Bauherren und Architekten auch gebieterisch dazu, die existierenden Pläne für die „James Simon Galerie“ noch einmal radikal zu überdenken.

          Materielle und intellektuelle Blässe

          Das ist schon deshalb unabweislich, weil mittlerweile wichtige Entscheidungen bei den anderen Sanierungsvorhaben auf der Museumsinsel gefallen sind. So war lange geplant, Pergamonmuseum und Eingangsbauwerk durch eine breite unterirdische Passage zu verbinden. Inzwischen jedoch ist der Ausbau der Kellergeschosse des Pergamonmuseums abgesagt; ein Zusammenschluß wird nur noch mittels einer Brücke möglich sein, was die gesamte innere Raumstruktur des Eingangsbauwerks verändern wird.

          Aber das ist nicht alles. Auch die Fassaden müssen noch einmal grundlegend überarbeitet werden. Nicht allein, weil sie mit ihren abgerundeten Ecken und den transluzenten Oberflächen eine irritierende Verwandtschaft mit anderen Projekten des Büros erkennen lassen, dem jüngst eröffneten Figge Art Museum in Davenport, Iowa, etwa. Sondern mehr noch wegen ihrer materiellen und intellektuellen Blässe. Auf der Museumsinsel mit Glas und Stahl zu bauen, und seien sie noch so perfekt bearbeitet, ist eine zu schlichte, weil zu naheliegende Lösung, als daß sie sich neben den Giganten der Baugeschichte behaupten könnte. Der mit dem Baustoff Glas akzentuierte Kontrast von Altem und Neuem gehört zu den am heftigsten überstrapazierten Floskeln aktuellen Bauens. Gerade von einem materialbesessenen Architekten wie Chipperfield darf man wohl eine komplexere und zugleich bezwingendere Lösung erwarten.

          Derlei zu fordern heißt nicht, in die dümmliche Frontstellung von Glas versus Stein zurückzufallen, die zu lange die Berliner Debatten beherrschte. Es bedeutet nur, Chipperfield an seine eigenen Qualitäten zu erinnern: Gleich auf der anderen Seite des Kupfergrabens, gegenüber der Museumsinsel, baut er ein Galerie- und Wohnhaus für einen Berliner Sammler, das schon jetzt, noch während der Arbeiten, erkennen läßt, wie ein kraftvoller und zeitgenössischer Neubau im historischen Ensemble aussehen kann, dessen Qualitäten schlagartig überzeugen. Chipperfield selbst hat dort - ähnlich wie zuletzt in Marbach beim Literaturmuseum der Moderne - einen Maßstab gesetzt, der erst recht für die Museumsinsel gelten muß.

          Seit 1999 die Generalsanierung der Berliner Museumsinsel beschlossen wurde, gibt es den Wunsch nach einem zentralen Eingangsgebäude, das als Hauptportal zu den fünf Häusern der Insel dienen soll. Den Wettbewerb gewann der britische Architekt David Chipperfield, der auch den Umbau des Neuen Museums leitet. Andere große Bauaufträge Chipperfields in Deutschland waren der Erweiterungsbau zum Deutschen Historischen Museum und der Neubau des Literaturmuseums der Moderne in Marbach. Für seinen Bau auf der Museumsinsel stehen 73 Millionen Euro bereit.

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