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Museumsinsel Berlin : So nicht, Mr. Chipperfield!

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Gewiß trägt zu dem Eindruck des Unentschiedenen auch bei, daß es für den Bau so unausgegorene wie vielfältige Nutzungswünsche gibt. Die konzeptionelle Nebligkeit findet ihren Ausdruck in dem pompösen Namen „James Simon Galerie“. Anfangs war stets nur vom „Eingangsbauwerk“ die Rede, zwischendurch auch von einem „Besucherzentrum“. Diese Veränderung ist mehr als bloßes Wortgeklingel. Dahinter steht eine manifeste Unsicherheit, was der Bau leisten soll: Ist er lediglich eine erweiterte Wartehalle mit bookshop, durch die man hinüber ins Pergamonmuseum und hinab in die „Archäologische Promenade“ gelangt, die alle Häuser verbindet? Oder soll das Gebäude zum Ort für Wechselausstellungen auf der Insel werden - Stichwort Galerie?

Vor vier Jahren wurden die Planungen für das Eingangsbauwerk auf Drängen des Bundesfinanzministers unterbrochen, als bei der Sanierung des Pergamonmuseums die Kosten außer Kontrolle zu geraten drohten, und Chipperfields Entwürfe gerieten in Vergessenheit. Nun jedoch hat der Bundestag vor wenigen Tagen dreiundsiebzig Millionen Euro für den Bau bewilligt. Der unerwartete Geldsegen ist fraglos eine gute Nachricht; er ermöglicht einen Baubeginn vielleicht schon 2009. Aber er zwingt Bauherren und Architekten auch gebieterisch dazu, die existierenden Pläne für die „James Simon Galerie“ noch einmal radikal zu überdenken.

Materielle und intellektuelle Blässe

Das ist schon deshalb unabweislich, weil mittlerweile wichtige Entscheidungen bei den anderen Sanierungsvorhaben auf der Museumsinsel gefallen sind. So war lange geplant, Pergamonmuseum und Eingangsbauwerk durch eine breite unterirdische Passage zu verbinden. Inzwischen jedoch ist der Ausbau der Kellergeschosse des Pergamonmuseums abgesagt; ein Zusammenschluß wird nur noch mittels einer Brücke möglich sein, was die gesamte innere Raumstruktur des Eingangsbauwerks verändern wird.

Aber das ist nicht alles. Auch die Fassaden müssen noch einmal grundlegend überarbeitet werden. Nicht allein, weil sie mit ihren abgerundeten Ecken und den transluzenten Oberflächen eine irritierende Verwandtschaft mit anderen Projekten des Büros erkennen lassen, dem jüngst eröffneten Figge Art Museum in Davenport, Iowa, etwa. Sondern mehr noch wegen ihrer materiellen und intellektuellen Blässe. Auf der Museumsinsel mit Glas und Stahl zu bauen, und seien sie noch so perfekt bearbeitet, ist eine zu schlichte, weil zu naheliegende Lösung, als daß sie sich neben den Giganten der Baugeschichte behaupten könnte. Der mit dem Baustoff Glas akzentuierte Kontrast von Altem und Neuem gehört zu den am heftigsten überstrapazierten Floskeln aktuellen Bauens. Gerade von einem materialbesessenen Architekten wie Chipperfield darf man wohl eine komplexere und zugleich bezwingendere Lösung erwarten.

Derlei zu fordern heißt nicht, in die dümmliche Frontstellung von Glas versus Stein zurückzufallen, die zu lange die Berliner Debatten beherrschte. Es bedeutet nur, Chipperfield an seine eigenen Qualitäten zu erinnern: Gleich auf der anderen Seite des Kupfergrabens, gegenüber der Museumsinsel, baut er ein Galerie- und Wohnhaus für einen Berliner Sammler, das schon jetzt, noch während der Arbeiten, erkennen läßt, wie ein kraftvoller und zeitgenössischer Neubau im historischen Ensemble aussehen kann, dessen Qualitäten schlagartig überzeugen. Chipperfield selbst hat dort - ähnlich wie zuletzt in Marbach beim Literaturmuseum der Moderne - einen Maßstab gesetzt, der erst recht für die Museumsinsel gelten muß.

Seit 1999 die Generalsanierung der Berliner Museumsinsel beschlossen wurde, gibt es den Wunsch nach einem zentralen Eingangsgebäude, das als Hauptportal zu den fünf Häusern der Insel dienen soll. Den Wettbewerb gewann der britische Architekt David Chipperfield, der auch den Umbau des Neuen Museums leitet. Andere große Bauaufträge Chipperfields in Deutschland waren der Erweiterungsbau zum Deutschen Historischen Museum und der Neubau des Literaturmuseums der Moderne in Marbach. Für seinen Bau auf der Museumsinsel stehen 73 Millionen Euro bereit.

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