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Museumsentscheidung : Soll Berlin ländlich werden?

Das siegreiche Modell von Herzog & de Meuron für das neue „Museum des 20. Jahrhunderts“ in Berlin. Bild: Herzog de Meuron

Modern wirkt der Entwurf für das „Museum des 20. Jahrhunderts“ gerade nicht. Die Architekten selbst sprechen von einer Lagerhalle – und noch ein irritierendes Wort prägte die Diskussion um den Neubau.

          Ein Wort blieb hängen bei der Pressekonferenz, in der der Sieger im Wettbewerb um den Neubau für das „Museum des 20. Jahrhunderts“ bekanntgegeben wurde: „Archetyp“. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, erklärte, dass die Gewinner, das Architekturbüro Herzog&de Meuron, „einen Archetypus geschaffen“ hätten; mehrere Mitglieder der Jury feierten die Idee eines „fast archaischen Hauses“. Herzog & de Meuron nennen ihren Entwurf (F.A.Z. vom 28. Oktober) ein „Haus aus Backstein“. Das klingt nicht nach einem Museum des 21. Jahrhunderts – und tatsächlich unterstützen die Metaphern, die die Architekten selbst auflisten, den Eindruck, hier wolle jemand mit sehr alten, dezidiert vormodernen Bauformen das städtebauliche Chaos auf dem Berliner Kulturforum richten: Die Architekten selbst denken an eine Lagerhalle, eine Scheune – oder, so Jacques Herzog, „ist es nicht vielmehr ein Tempel mit den exakt gleichen Giebelformen wie die Alte Nationalgalerie von August Stüler“?

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Form der Halle mit ihrem Satteldach erinnert, anders als die etwas modische Quellarchitektur der zweitplazierten Dänen Lundgaard&Tranberg Arkitekter A/S, anders als die harte skulpturale Lösung der drittplazierten Berliner Bruno Fioretti Marquez und auch anders als der mit einer Anerkennung abgespeiste, luftig spätmoderne Zaubergartenpavillon von Sanaa aus Tokio, tatsächlich an die antiken Typologien Tempel und Halle.

          Herzog&de Meurons Bau wird die gesamte Fläche des Kulturforums überbauen (offenbar hing die Jury weder an der Scharounschen Idee der offenen Stadtlandschaft noch an der Stimmannschen Idee der alten europäischen Stadt mit kleinen, offenen Plätzen). Aus der Luft sieht Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie neben dem geplanten Neubau aus wie das Gärtnerhäuschen, die Stülerkirche liegt an der Mega-Struktur wie ein Ruderboot an einer Yacht. Das gigantische Dach des Entwurfs von Herzog&de Meuron überspannt vier Ausstellungshäuser. Ausschlaggebend für den Gewinn des Wettbewerbs waren allerdings wohl die Achsen, die die Halle in vier Quadranten aufteilen und in einer Richtung die Staatsbibliothek mit der Gemäldegalerie verbinden und mit der anderen, die unter der ersten durchtaucht, den Mies-Bau mit der Philharmonie verbindet. Die große Treppe kann für Aufführungen und Konzerte verbunden werden und bringt so auch die Philharmonie und die Künste zusammen. Die beiden durch ein transluzentes Backsteinelement- und Glas-Dach belichteten Passagen können offen bleiben, auch wenn die Ausstellungshäuser geschlossen sind, und so eine Abkürzung und ein Flanierraum nicht nur für Museumsbesucher, sondern für die ganze Stadt werden. Einen solchen Wandelort hatte Berlin bisher nicht.

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          Herzog&de Meuron haben immer wieder gezeigt, dass sie phantastische Museen bauen können, und, gemessen an den Berliner Baudesastern der vergangenen Zeit – man denke an Tempelhof und das dortige Bibliotheksprojekt –, ist dieser Wettbewerb allemal ein Erfolg. Aber einiges irritiert an ihrem Berliner Entwurf: Das öffentliche Leben wird komplett in ein Riesengebäude verlegt, so, als gäbe es den langen Berliner Sommer gar nicht, in dem das städtische Leben und die Kunst auch auf den Plätzen vor einem Bau und auf öffentlichen Dachterrassen und Tribünen und Freilichtbühnen stattfinden könnten wie etwa in dem mit einer von vier Anerkennungen ausgezeichneten Entwurf von Rem Koolhaas. Dessen Entwurf sieht dies und eine komplett aufklappbare Fassade Richtung Potsdamer Straße vor: Sie würde einen Teil des Museums, ganz im Sinne seiner Exponate aus den sechziger Jahren, wirklich zu einem politischen, offenen Raum der Stadtgesellschaft machen.

          Stattdessen dominiert jetzt, wie es Herzog formuliert, die Idee des „Tempels, ein Ort der Stille und des Nachdenkens“, und der backsteinernen Lagerhalle, „ein Ort der Vorräte und der Nahrung wie ein landwirtschaftlicher Betrieb“. Tatsächlich kann man diese Backsteinhalle auch als Teil einer ästhetischen Ruralisierung der Stadtzentren lesen: In den Cafés des Berliner Zentrums, in den dörflich schmalen, verkehrsberuhigten Straßen servieren Menschen in Karohemden auf handgesägten, rohen Holzbrettern rustikale lokale Speisen. Der Optimismus des Metropolitanen, den Herzog&de Meuron selbst in der Hamburger Elbphilharmonie inszenieren, weicht hier der Idee der ästhetischen Beruhigung, Befriedung, der kollektiven Einkehr und Heilung durchs Archetypische, durch die vormodernen Formen des Tempels und des Futterspeichers. So gesehen, ist der Bau, wie immer man ihn beurteilt, wirklich Ausdruck unserer Zeit.

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