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Museumsarchitektur : Neue Kisten kriegt das Land

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Das künftige Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg gliedert die Stadtsilhouette am Donauufer, aber zergliedert sie nicht Bild: Woerner + Partner

Museumsarchitektur wird mehr und mehr zum Würfelspiel, wie das Beispiel Jüdisches Museum in Frankfurt zeigt. Aber es gibt auch Hoffnung: Regensburg glänzt mit einem Frankfurter Siegerentwurf.

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          Würfel, wohin das Auge blickt: Ob es die gern als „Wohnhof“ titulierten Luxusfestungen sind, die derzeit in den Zentren unserer Großstädte aus dem Boden schießen, noble Bürohäuser oder die neuen Museen, die dort in ähnlich rasantem Tempo und vergleichbarer Menge entstehen - allesamt folgen sie wie unter Hypnose den Gesetzen des Kubus.

          Kantig, viereckig, Flachdach, häufig mit signifikant edlem Stein verkleidet, zuweilen auch seidenglatten Sichtbeton präsentierend, unterscheiden sich die Wohn-, Kontor- und Ausstellungsbauten fast nur noch im Detail: Wer potente Wohnungskäufer oder Büromieter braucht, bietet reichlich Fenster und Balkone, wer viele Besucher anlocken und Kunstwerke vor schädlichem Licht schützen will, schränkt die Zahl der Öffnungen ein, gewinnt aber ausgeklügelte Ausnahmen wie Panoramafenster für Wandelgänge oder gläserne Foyers als optische Sensation.

          Momentan haben Museen die Nase vorn im Würfelspiel: In München wurde gerade Norman Fosters Goldwürfel als Erweiterung des Lenbachhauses gefeiert, in Mannheim werden Gerkan Marg und Partner (gmp) einen ähnlich golden schimmernden Vierkant als neue Kunsthalle errichten. In Karlsruhe streitet man noch, ob bei der dringend notwendigen Sanierung der Staatlichen Kunsthalle der wuchtige Ergänzungsbau Heinz Mohls von 1978 durch einen feineren Kubus ersetzt werden soll.

          In Frankfurt am Main und in Regensburg sind dagegen gerade die Würfel gefallen, respektive beschlossen: An der Donau werden die Frankfurter Architekten Woerner und Partner ein gewürfeltes Ensemble als Museum der Bayrischen Geschichte errichten; am Main wird das Berliner Team Staab Architekten zur Erweiterung des Jüdischen Museums einen Vierkant hinter das historische Rothschildpalais setzen.

          Würfel unterscheiden sich

          Im Vergleich stehen beide Entwürfe einander gegenüber wie der Pharisäer des Alten und der Samariter des Neuen Testaments. Beginnen wir mit dem Pharisäer: Wie diese biblische Gestalt blind und bedingungslos den religiösen Gesetzen folgte, folgt Volker Staabs Frankfurter Entwurf dem aktuellen Würfeltrend. Er wuchtet einen dekorlosen Vierkant hinter den Altbau, der eines der letzten Beispiele des berühmten Frankfurter Klassizismus und der letzte Bau ist, in dem originale Räume dieser Epoche erhalten sind.

          Sanierung und Erweiterung des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, Außenansicht
          Sanierung und Erweiterung des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, Außenansicht : Bild: Simulation Staab Architekten

          Dem geplanten Neubau sind die Proportionen des Rothschildpalais so gleichgültig wie dessen Gliederung. Einzige Reaktion auf die Umgebung sind sparsam angeordnete verglaste Einschnitte. Auch damit hält sich Staab an die Gesetze der gängigen musealen Blöcke - von Ulms neuer Kunsthalle bis zur künftigen Mannheimer wird mit diesem Effekt gearbeitet.

          Weiß wie das Rothschildpalais wird der Neubau sein. Doch diese Reverenz an die Vorlieben des Klassizismus wird von der Ignoranz, mit der er sich vor die feinziselierte Rückfront des Altbaus schiebt, als leere Höflichkeitsgeste entlarvt. Welch ein elementarer Unterschied zur ersten Erweiterung des Palais im Jahr 1849, als die Nutzfläche des 1821 entstandenen Hauses verdoppelt wurde. Und das im buchstäblichen Sinn: Der seinerzeit prominente Architekt Friedrich Rumpf fügte nach Beseitigen der Stirnfront einen Zwilling des Hauses an den vorhandenen Bau. Nur ein ebenerdiger fünfeckiger Altan auf Rundarkaden vor der ansonsten exakt kopierten Stirnseite sowie zwei Erker an der Mainfront setzten einen neuen zeitgenössischen Akzent. Zwischen 1849 und 2013 könnten statt 164 Jahren auch tausend Jahre vergangen sein, so grundsätzlich hat sich seither die Haltung von Architekten und Bauherren gewandelt: Welcher Architekt, zumal einer vom hohen Rang Volker Staabs, würde sich heute mit selbstlosem Kopieren begnügen? Welcher Museumsdirektor wäre bereit, sein Haus nicht spektakulär, sondern unmerklich zu erweitern?

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