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Neue Schau zu Buchheims „Boot“ : Realitätenhändler

Lothar Günther Buchheim 2001 in seinem Museum. Bild: Wonge Bergmann

Auf Tauchfahrt durch zwei Systeme: Leben und Werk von Lothar-Günther Buchheim werden in seinem Museum in Bernried am Starnberger See neu vermessen.

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          „In wochenlanger Marschfahrt läuft das U-Boot durch die vom Aequinoktial-Sturm gepeitschten Seen des Atlantiks seinem Jagdgebiet zu“. So steht es am 12. April 1942 in der Zeitung „Das Reich“ unter einem Foto, das einen Artikel, der den siegreichen Feldzug der deutschen U-Boote vor der nordamerikanischen Ostküste rühmt, illustriert. Die Aufnahme der Marinesoldaten im gischtumspülten U-Boot-Turm hat der Kriegsberichter Lothar-Günther Buchheim geschossen, allerdings bereits im November 1941, als sich die Boote U 96 und die U 572 im Atlantik begegneten.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Das Bild der heroischen Marinesoldaten wird zu Propagandazwecken eingesetzt, in der Realität hätte ein solche Begegnung nicht stattfinden sollen. Sie offenbarte, in welch unkoordiniertem Zustand sich die deutsche U-Boot-Flotte bereits befand. Im Roman „Das Boot“ ärgert sich „der Alte“, der Kommandant von U 96, „dass zwei Boote in der gleichen Gegend herumkarren“, riesige Lücken täten sich auf, durch welche die Engländer „mit einer ganz Armada durchbrausen könnten“.

          Auf Distanz zum Stiftungsgründer

          Auch wenn er von Hitler als Politiker nichts hielt und mit dieser Meinung nicht hinterm Berg hielt – der 1918 geborene Buchheim war ein prominentes Mitglied der Propagandamaschinerie des „Dritten Reiches“. Seine Zeichnungen, Gemälde und Fotografien prägen das Bild der U-Boot-Flotte, in Kriegszeiten und erst recht nach 1973, als er mit „Das Boot“ einen Welterfolg landet. Als Buchheim 2007 stirbt, steht das „Museum der Phantasie“ bereits in Bernried am Westufer des Starnberger Sees. Das Haus am See ist die Sammlungswundertüte, die Buchheim vorschwebte, seine eminenten Expressionistenbestände haben hier eine Heimat, ein Labor der Fantasie, volkskundliche Stücke, Puppen, Poster, eigene Werke, zeitgenössische Kunst in Wechselausstellungen.

          Das Haus am See ist die Sammlungswundertüte, die Buchheim vorschwebte, seine eminenten Expressionistenbestände haben hier eine Heimat.
          Das Haus am See ist die Sammlungswundertüte, die Buchheim vorschwebte, seine eminenten Expressionistenbestände haben hier eine Heimat. : Bild: Picture Alliance

          Die vor drei Jahren abgebaute Dauerausstellung „Das Boot“ hat Museumsleiter Daniel J. Schreiber nun neu konzipiert: Sie geht deutlich auf Distanz zum Stiftungsgründer. Mitgearbeitet hat der Journalist Gerrit Reichert, der auch vor drei Jahren für die Ausstellung zum Hundertsten Buchheims an Bord war. Sein 2019 in erster, 2021 in dritter, überarbeiteter Auflage erschienener Band „U 96 – Realität und Mythos. Der Alte und Lothar-Günther Buchheim“ (Mittler Verlag) führt den Nachweis, wie stark und finanziell erfolgreich Buchheim in den nationalsozialistischen Propagandabetrieb verstrickt war. Und wie geschickt sich Buchheim in der Nachkriegszeit als Mahner und Warner profilierte, ohne sich von seiner Rolle als Mittäter zu distanzieren. Eine Verdrängungsleistung zwischen Faszination, Angst, Schuld und Scham.

          „so ein faschistischer Dreck“

          Mit dem Gedanken eines autobiographisch grundierten Buches trägt sich Buchheim schon lange. „Das geduckte Leben“ heißt der erste, „Styx“ der zweite Arbeitstitel des Buches, das 1973 unter dem Titel „Das Boot“ bei Piper erscheinen wird. Zunächst hatte der Droemer Verlag es abgelehnt. Buchheim lieferte 2400 Manuskriptseiten ab, Cheflektor Walter Fritzsche muss sich fragen lassen, wie er „so einen faschistischen Dreck anfassen könne“. Auch Piper lehnt zunächst ab, dann erstellt Fritzsche eine Streichfassung von sechshundert Seiten. Als Propagandaprofi war es Buchheim gewohnt, sich seine eigene Wirklichkeit zu schnitzen; und so taucht auch im „Boot“ die Übertreibung immer mit. In einer Vorbemerkung schreibt Buchheim: „Dieses Buch ist ein Roman, aber kein Werk der Fiktion.“

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